Alice Schwarzer an Wim Wenders: "Höre auf zu reden – und handle!"
Nastassja Kinski möchte, dass Wim Wenders eine Nacktszene aus einem alten Film entfernt. Der Regisseur macht eine Grundsatzdebatte auf – Alice Schwarzer sieht ihn in der Verantwortung. Im Streit um eine Nacktszene mit der damals 13-jährigen Nastassja Kinski in Wim Wenders' "Falsche Bewegung" von 1975 hat Alice Schwarzer den Regisseur dazu aufgefordert, diese aus dem Film zu entfernen. "Wim: Höre auf zu reden – und handle! Schneide endlich diese verdammten zwei Minuten raus aus deinem Film!", schrieb sie in der von ihr gegründeten Zeitschrift "Emma". Es gehe dabei nicht um große Fragen der Filmgeschichte, sondern "um die überschaubare Frage der Würde eines Mädchens", so Schwarzer. In "Falsche Bewegung" wird Kinski in einer Szene mit nacktem Oberkörper gezeigt. Sie bekommt eine Ohrfeige von einem Mann und wird von ihm im Gesicht gestreichelt. Sie hatte kürzlich der "Süddeutschen Zeitung" gesagt: "Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war." "Keine Verantwortung": Kinski-Anwalt rechnet mit Wenders ab Wenders: "Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?" Wenders sagte beim Deutschen Filmpreis am Freitag darauf Bezug nehmend, er würde die Szene "heute nie mehr so machen". Seinem damaligen, jungen Ich könne er aber keinen Vorwurf machen. Er habe einen Film in seiner Zeit gemacht. Doch es ergebe sich eine Frage, die alle Filmschaffenden angehe: "Wie geht man mit Filmerbe um?" Dürfe und solle man eine Szene schneiden, wenn sie einer Schauspielerin – "die ich sehr verehrt habe und verehre" – weh tue? "Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?" Wenders bat die Deutsche Filmakademie um eine Debatte. Alice Schwarzer: Diese Frau liebt sie seit etwa 40 Jahren Mit Blick auf Wenders' Äußerungen vor dem Branchenpublikum schrieb Schwarzer: "Er hätte sagen können: Ich schäme mich, früher so gedacht und gehandelt zu haben. Ich bitte Nastassja Kinski um Verzeihung. Und selbstverständlich schneide ich die Szene morgen raus." Dem fügte die 83-Jährige an: "Er hat das nicht gesagt. Der Geehrte entschied sich für einen anderen Weg. Er machte stattdessen einen Ausflug in die große weite Welt des Films und in die unbekannte Welt des anderen, so fernen Geschlechts. Er habe sich als Regisseur schon immer schwer getan mit Schauspielerinnen." An Wim Wenders gewandt, schrieb sie: "Es geht nur um deinen Film. Der Film entspricht zwar dem Zeitgeist, er ist aber alleine deine Verantwortung." Das gesamte Filmerbe sei dadurch keineswegs bedroht. Kinskis Anwalt kündigt Klage an Kinskis Anwalt Christian Schertz kritisierte Wenders' Rede als Versuch, sich der persönlichen Verantwortung zu entziehen. Da Wenders ein persönliches Gespräch mit Kinski zu der Szene laut Schertz "bereits seit Jahren verweigert", kündigte der Anwalt den Übergang zu formalen juristischen Schritten an. Man werde noch die laufende Woche abwarten, ob es eine Reaktion auf die jüngste öffentliche Debatte gibt. "Wenn uns nicht bestätigt wird, dass die Szene entfernt wird, werden wir klagen", sagte er und begründete dies mit der Verletzung von Kinskis Persönlichkeitsrechten als Kind.