World News in German

ARD-Star Ingo Zamperoni über Fußball, Familie und USA: "Unfassbar"

Ingo Zamperoni ist einer der bekanntesten Moderatoren des Landes. Jetzt spricht er im Interview über Fußball, seine Familie und die USA, die er kaum wiedererkennt. Seit mehr als 30 Jahren hat er eine enge persönliche Verbindung zu den Vereinigten Staaten von Amerika: "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni studierte dort, begann seine Karriere und lernte seine Frau kennen, mit der er heute drei Kinder hat. Doch in den vergangenen Jahren hat sich sein Verhältnis zu dem Land grundlegend gewandelt. Das liegt nicht nur, aber größtenteils an US-Präsident Donald Trump . Vor dem Start der Fußball-Weltmeisterschaft reiste Zamperoni mit seinem Kollegen Philipp Awounou in die USA und wollte herausfinden, wie bedeutend Sport für die Identität des Landes ist – und wie Trump ihn für seine Zwecke politisch instrumentalisiert. Im Interview mit t-online spricht Zamperoni über seine Erfahrungen – und gewährt dabei auch Einblicke in seine eigene Familie. t-online: Herr Zamperoni, ist der Fußball vielleicht das, was das Fernsehen in seiner Blüte war: eines der letzten großen Lagerfeuer unserer Gesellschaft? Ingo Zamperoni: Im besten Fall verbinden sich diese beiden Welten zu genau dieser Wirkung, schließlich ist es das Fernsehen, welches den Fußball in die Wohnzimmer der Welt transportiert. Was genau ist an diesem Sport so faszinierend? Fußball schafft etwas in einer Dimension, die heute selten geworden ist: Menschen kommen zusammen, unabhängig davon, woher sie kommen oder wie sie politisch denken. Diese gemeinsame emotionale Erfahrung hat eine enorme Kraft. Aber? Genau deshalb ist Sport natürlich auch politisch interessant. Weil Emotionen dort sofort abrufbar sind. Weil Menschen empfänglich für Botschaften sind. Weil sich Aufmerksamkeit bündeln lässt. Und deshalb ist Sport für jemanden wie Donald Trump natürlich auch so eine willkommene Bühne. Inwiefern? Solche Großereignisse geben Politikern die Möglichkeit, sich im Glanz des Sports mitzubewegen. Man bekommt etwas von der Strahlkraft der Athleten und des Turniers ab. Gleichzeitig erreicht man Menschen emotional viel direkter. Ein gewisser Teil an Fußballfans geht aber schon die Grundthese nicht mit. Diese Stadiongänger behaupten, Fußball sei unpolitisch und jegliche Vereinnahmung gehöre verbannt. Ich verstehe diese Sehnsucht, aber ich fürchte, sie ist eine Art Wunschtraum. Sport und Politik lassen sich kaum sauber voneinander trennen. Gerade nicht bei einer Fußball-WM in den USA unter Donald Trump, der Sport ja selbst so als politische Bühne nutzt. Steht uns deshalb die politisch vielleicht brisanteste WM bevor, die wir je erlebt haben? Zumindest findet sie in einer außergewöhnlichen Konstellation statt. Wir haben drei Gastgeberländer – und gleichzeitig einen amerikanischen Präsidenten, der Kanada regelmäßig provoziert und Mexiko beschimpft. Allein das spricht schon Bände. Ich wäre zunächst auch mit einem Band zufrieden: Was genau folgt für Sie aus dieser Konstellation? Dass eine Frage zunächst mal über allem steht: Wie soll so ein friedlich-fröhliches Fußballfest möglich werden, mit Gastgebern auf Augenhöhe, bei dem der Sport im Mittelpunkt stehen kann? Bei Donald Trump scheint nichts mehr undenkbar: Befürchten Sie, dass er Einfluss nehmen wird – etwa, wenn die USA sportlich unter die Räder kommen? Der amerikanische Präsident ist unberechenbar, aber ich denke, so weit wird es nicht kommen, allein schon, weil ich die sportlichen Chancen der USA gar nicht so schlecht sehe. Und wenn das US-Team unter die Räder kommt und keine Euphorie im Land entfacht, dann wird sich Trump auch schnell wieder von dieser Bühne verabschieden. Er will sich ja immer nur mit dem Gewinner-Image umgeben. Donald Trump ist allerdings längst nicht das einzige Problem mit Blick auf die Lage in den USA. Was besorgt Sie aktuell am meisten? Die extreme Polarisierung in den USA. Die Gesellschaft ist heute viel stärker gespalten als früher. Kompromiss ist dort inzwischen fast ein Schimpfwort geworden. Politik funktioniert oft nur noch über Konfrontation. Und Social Media wirkt dabei wie ein Brandbeschleuniger. Sie kennen die USA seit Jahrzehnten, haben Familie dort. Wie anders fühlt sich Amerika heute für Sie an als bei der WM 1994, als Sie dort studiert haben? Sehr anders. Die Zeit der WM 1994 war aus westlicher Perspektive eine Zeit des Aufbruchs. Der Kalte Krieg war vorbei, viele glaubten damals: Die liberale Demokratie hat sich durchgesetzt, jetzt beginnt eine offenere, stabilere Weltordnung. Und heute? Ein himmelweiter Unterschied. Wir erleben ein deutlich nervöseres, aggressiveres Klima. 9/11, die Kriege danach, die Finanzkrise, die politische Radikalisierung – all das hat das Land verändert. Hat Amerika aus Ihrer Sicht auch einen Teil seines Optimismus verloren? Ja, ich glaube schon. Der "American Dream" war kaum mehr als ein Mythos. Für viele Menschen war er nie wirklich erreichbar. Aber es gab zumindest lange dieses Gefühl: Wenn ich mich anstrenge, wird es meinen Kindern einmal besser gehen. Dieses Vertrauen ist bei vielen verloren gegangen. Trotzdem klingt bei Ihnen immer noch eine große Faszination für die USA durch. Absolut. Mich faszinieren die USA seit meiner Kindheit. Dieses Land hat unglaubliche Widersprüche, aber auch unglaubliche Dynamik, enorme kulturelle Kraft und Innovationswillen. Genau deshalb beschäftigt es mich ja bis heute so intensiv. Während Ihres Studiums lernten Sie Ihre heutige Ehefrau, die US-Amerikanerin Jennifer Bourguignon, kennen. Trägt auch das zu Ihrer Sicht auf die Vereinigten Staaten bei? Vielleicht romantisiere ich deshalb das Land, meinen Sie? (lacht) Sie teilen jedenfalls auch die gleiche Faszination für das Land und sprechen darüber inzwischen regelmäßig in einem gemeinsamen Podcast. Das stimmt. Dass wir dieses gemeinsame Projekt ins Leben gerufen haben, ist eine besondere Symbiose unserer privaten wie beruflichen Verbindung. Wir haben drei gemeinsame Kinder – und gewissermaßen ist der Podcast "Amerika, wir müssen reden" inzwischen unser "viertes Baby". Wir reden eh ständig darüber und einmal die Woche eben mit einem Mikro noch dazu. Sie selbst sind halber Italiener, halber Deutscher. War Fußball bei Ihnen zu Hause eigentlich zwangsläufig ein Riesenthema? Ja. Als Deutschitaliener wird einem Fußball quasi in die Wiege gelegt. Wenn das so ist: Von welcher Mannschaft sind Sie seit Kindertagen Fan? Ich bin in Wiesbaden aufgewachsen, da war man entweder Eintracht-Frankfurt-Fan – oder eben nicht. Später kam durch meine italienischen Wurzeln noch Inter Mailand dazu, auch weil dort in meiner Jugend Größen des deutschen Fußballs spielten: Matthäus, Brehme, Klinsmann und Co. Und heute? Heute fahre ich auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad immer am Volksparkstadion vorbei, deshalb habe ich natürlich auch Sympathien für den HSV entwickelt. Aber ich liebe vor allem einfach das Spiel und die Atmosphäre. Und jetzt erleben ausgerechnet Ihre Kinder zum ersten Mal ein schwaches Italien . Das ist eigentlich unfassbar. Meine Generation ist mit der Gewissheit aufgewachsen: Entweder Deutschland oder Italien stehen am Ende mindestens im Halbfinale. Meine Kinder dagegen kennen Italien bei Weltmeisterschaften praktisch gar nicht mehr. Und Deutschland fliegt ständig früh raus. Die denken wahrscheinlich nur: "So toll kann das alles früher gar nicht gewesen sein." Tut das weh? Sagen wir so: Immerhin bleibt mir dadurch das direkte Duell zwischen Deutschland und Italien erspart. Das war in unserer Familie immer ein großes Thema. Aber ja – ein bisschen traurig ist es schon. Wenigstens ist Italien 2021 noch mal Europameister geworden. Sobald man auf diese Art über Fußball plaudert, spürt man: Dieser Sport kann auch eine Flucht aus dem Alltag sein, eine Zerstreuung von den Sorgen des Alltags. Natürlich. Wenn ich ins Stadion gehe, genieße ich erst einmal die Atmosphäre, die Emotionen, die Stimmung. Das ist etwas Besonderes. Ich verstehe deshalb total, wenn Menschen sagen: "Ich will im Stadion nicht auch noch Politik diskutieren." Gleichzeitig existieren gesellschaftliche Themen dort natürlich trotzdem. Die Debatte begleitet den Fußball seit Jahren. Zuletzt besonders sichtbar bei der WM in Katar. Wie blicken Sie heute auf die Protestgeste der deutschen Nationalmannschaft zurück? Ich glaube, vieles wirkte damals sehr verkrampft. Es entstand der Eindruck, dass die Mannschaft unter enormem äußerem Druck stand, irgendein Zeichen setzen zu müssen. Sie waren also kein Fan davon? Wenn einem Spieler oder einer Spielerin ein Thema persönlich wirklich wichtig ist, dann gibt es wahrscheinlich keine größere Bühne als eine Weltmeisterschaft. Dann finde ich es absolut legitim, diese Plattform zu nutzen. Aber sobald etwas aufgesetzt wirkt, irgendwie übergestülpt oder wie eine Pflichtübung, wird es schwierig. Jürgen Klinsmann sagt in Ihrer neuen Doku "Spielfeld der Macht" dagegen sehr klar: Die Spieler sollen Fußball spielen und keine politischen Botschaften senden. Das ist eine vollkommen nachvollziehbare Haltung. Und ich finde auch nicht, dass jeder Athlet politisch Stellung beziehen muss, vor allem, wenn er das nicht möchte. Ich finde nur die Doppelmoral manchmal bemerkenswert. Die Fifa sagt: Politik habe auf dem Platz nichts verloren. Gleichzeitig sieht man Fifa-Präsident Gianni Infantino bei politischen Inszenierungen neben Staats- und Regierungschefs, bei Donald Trumps Amtseinführung, zur Gründung von dessen Friedensrat oder wie er dem US-Präsidenten einen kurzfristig erfundenen Friedenspreis überreicht. Das passt für mich nicht richtig zusammen. Rechnen Sie während der WM mit politischen Konflikten rund um die Spiele? Das wird sich kaum vermeiden lassen. Wenn es etwa Konfrontationen mit Sicherheitsbehörden oder Diskussionen über Einreise, Minderheiten oder Proteste gibt, werden Journalisten darüber berichten müssen. Oder spätestens, wenn das US-Team auf den Iran treffen sollte … Vor dem Hintergrund dieses aufgeheizten Klimas: Welche Hoffnung verbinden Sie mit dem WM-Turnier? Ich wünsche mir, dass die drei Gastgebernationen weit kommen. Wenn die US-Mannschaft erfolgreich ist, Kanada für Furore sorgt oder Mexiko ein gutes Turnier spielt, entsteht automatisch Euphorie. Wenn das gelingt, könnte diese WM den Menschen vielleicht auch mal eine Pause von all den gesellschaftlichen Konflikten und politischen Spannungen ermöglichen. Die ARD-Doku "Spielfeld der Macht. Die WM in Trumps Amerika" ist ab dem 4. Juni in der ARD-Mediathek abrufbar. Am 8. Juni wird die Reise von "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni und Sportjournalist Philipp Awounou dann zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

Читайте на сайте