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"Das gibt Machtkämpfe und böses Blut": Unternehmen in der Insolvenz

Eine Pleitewelle rollt durch das Land, viele Unternehmen müssen aufgeben. Der Rechtsexperte Tom Brägelmann erklärt, wie das Insolvenzrecht Ordnung ins Chaos bringt. "Traditionsunternehmen insolvent – Hunderte Beschäftigte betroffen": Meldungen wie diese machen derzeit fast täglich die Runde. Doch es trifft nicht nur bekannte Namen oder alteingesessene Betriebe. Auch kleine Firmen und junge Start-ups landen aus ganz unterschiedlichen Gründen im Insolvenzverfahren. Doch was passiert dann genau? Warum bekommt ein Insolvenzverwalter so viele Befugnisse? Warum sollte er ein Unternehmen in der Krise besser führen können als der ehemalige Geschäftsführer? Und was passiert, wenn die Rettung scheitert? Diese Fragen beantwortet der Insolvenzanwalt Tom Brägelmann im Gespräch mit t-online. t-online: Herr Brägelmann, warum schrillen beim Wort "Insolvenz" bei vielen gleich die Alarmglocken? Tom Brägelmann: In meiner Branche nennen wir das auch das I-Wort. Das macht Leuten Angst. Man spricht vom Stigma der Insolvenz . Wenn Menschen hören, dass ihr Arbeitgeber oder ein Geschäftspartner in der Insolvenz ist, denken sie schnell: Das Unternehmen hat die Seuche. Dann halten sie sich fern – und genau dadurch verstärken sie den Effekt. Vertragspartner stellen auf Vorkasse um, dann ist noch weniger Geld da. Bei Insolvenzen gibt es aus sachlichen Gründen einen psychologisch ungünstigen Effekt. Der ist immer da. Jeder Gesetzgeber der Welt kann nur versuchen, damit umzugehen. Warum gibt es in Deutschland gerade so viele Insolvenzmeldungen? Es gibt in Deutschland viele Unternehmen, die sind gut – aber der Rest der Welt ist besser geworden. Unternehmen produzieren zunehmend in anderen Ländern als in Deutschland. Dazu kommt die Nachfolgekrise: Viele Mittelständler finden keinen Käufer mehr – oder nicht zu dem Preis, den sie erwartet hatten. Und dann gibt es nachgeholte Insolvenzen. Was ist damit gemeint? Manche Unternehmen wären eigentlich schon während der Corona-Pandemie pleitegegangen. Durch Hilfen, ausgesetzte Insolvenzantragspflichten und viel Geld wurden sie über Wasser gehalten. Teilweise wird dieses Geld jetzt zurückgefordert – und das löst wiederum Insolvenzen aus. Kann man also von einer Insolvenzwelle sprechen? Ja, es ist schon mehr als sonst. Aber die wichtige Frage ist: Was für eine Qualität hat diese Welle? Wir würden immer auf eine Welle hoffen, bei der Unternehmen nur vorübergehende Zahlungsschwierigkeiten haben. Dann kann man sie retten. Das ist auch noch zu einem Teil so. Und der andere Teil? Das ist einfach Abwicklung, Liquidation. Und das ist ein Unterschied. In der heutigen digitalen Welt sind viele Unternehmen nur viel wert, solange sie am Markt tätig sind. Wenn man sie zumacht, sind die Gegenstände oft wenig wert. Nehmen Sie ein Start-up, das irgendetwas mit KI gemacht hat. Der Fortführungswert kann hoch sein, aber wenn das schließt, hat es nur noch ein paar Computer, alte Laptops und Büromöbel. Die Insolvenz macht diesen Wertverlust sichtbar. Welche Rolle spielt das Insolvenzrecht dabei? Das Insolvenzrecht hat eine Marktbereinigungsfunktion. Es soll dafür sorgen, dass es geordnet abläuft, wenn es nicht weitergeht. Also nicht so, dass alle Leute abhauen, Maschinen herumstehen, Umweltschäden nicht beseitigt oder Steuern nicht bezahlt werden. Insolvenzverwalter sind so eine Art Kärcher. Die räumen auf. Das ist ein starker Eingriff. Verträge werden unterbrochen, im Zweifel müssen viele Menschen gehen. Gibt es Warnsignale, bevor ein Unternehmen insolvent wird? Ja. Wenn Unternehmensinformationen nicht ordentlich hinterlegt werden, etwa im Handelsregister oder Unternehmensregister, ist das ein Warnsignal. Oder wenn Unternehmen stark mit Steuererklärungen oder ihrer Finanzplanung hinterherhängen. Ein weiteres Signal: Rechnungen werden immer später bezahlt. Das kann sich einschleifen. Unternehmen schieben dann eine immer größer werdende Bugwelle unbezahlter Rechnungen vor sich her. Wie kann das sein? Unternehmen sind manchmal zu nett. Sie haben einen tollen Kunden, der immer gezahlt hat. Plötzlich sind 50.000 oder 100.000 Euro offen. Der Kunde verspricht zu zahlen, macht aber stattdessen die nächste Bestellung. Dann beliefern manche weiter – in der Hoffnung, dass irgendwann alles bezahlt wird. Wenn das schiefgeht, stellt sich später die Frage: Wie konntest du nur? Alte Rechnungen werden sehr schnell wertlos. Eine Rechnung, die älter ist als drei Monate, wird schon schwieriger einzutreiben. Wenn sie älter als ein halbes Jahr ist, gibt es oft einen Grund, warum sie nicht bezahlt wurde: Der andere ist pleite. Wann sollten Unternehmen Insolvenz anmelden? So früh wie möglich. Aber dafür müssen sie ihre Lage kennen. Viele Unternehmen passen nicht gut genug auf und melden dann zu spät Insolvenz an. Damit kann man sich strafbar und haftbar machen. Vor allem ist dann oft nicht mehr viel zu retten. Das ist der ideale Weg: rechtzeitig retten, restrukturieren oder solvent liquidieren. Was heißt das? Nicht erst in die Insolvenz zu laufen. Wie das geht, hat zuletzt Möbel Hübner gezeigt. "Das höchste Möbelhaus Berlins" war ein gesundes Unternehmen. Doch die Besitzer haben wohl gemerkt, ein 16-stöckiges Hochhaus voller Möbel funktioniert im Wettbewerb nicht mehr richtig. Andere Möbelhäuser sind ebenerdig gebaut und haben viel weniger Stromkosten für Licht. Obwohl noch keine Krise da war, entschieden sie, den Traditionsbetrieb geordnet zu schließen und das Hochhaus lieber als Immobilie zu nutzen. Das ist keine Insolvenz. Das ist solvente Liquidation. Was passiert, wenn ein Unternehmen es selbst nicht merkt oder nicht handeln will? Dann können Gläubiger einen Insolvenzantrag stellen. Wenn kein Geld mehr da ist, aber das Unternehmen weiterläuft, sind das häufig Finanzämter und Krankenkassen: sogenannte Zwangsgläubiger mit Steuer- und Sozialversicherungsansprüchen. Das wird Monat für Monat mehr. Die stellen Kettenanträge: einen Antrag und noch einen und noch einen. Wie wichtig ist die Wahl des Insolvenzverwalters? Das ist entscheidend. Das Gericht bestellt den Insolvenzverwalter und dabei gibt es immer wieder Streit: Wer wird eigentlich bestellt? Der, der den Richter gut kennt oder viel Erfahrung hat? Wie kommt der Nachwuchs rein? In Deutschland ist Insolvenzverwaltung immer noch ein persönliches Geschäft. Was bedeutet das? Es wird eine Person bestellt, nicht einfach ein Unternehmen. Formal muss ein Insolvenzverwalter nicht einmal Jurist sein. Sie müssen eigentlich nur 18 Jahre alt sein. Insolvenzverwalter sind unterschiedliche Persönlichkeiten. Bei manchen würde ich sagen: Wenn der berufen wird, dann hast du es als Geschäftsführer nicht leicht. Der wird dich sehr stark auf die Hörner nehmen und versuchen, Haftung geltend zu machen. Andere wollen erst einmal niemanden verschrecken. Was macht ein Insolvenzverwalter konkret? Der Insolvenzverwalter ist wie eine Art Gesamtgerichtsvollzieher. Er sichert Konten, Unterlagen und Vermögen, spricht mit der Geschäftsführung, prüft Forderungen, entscheidet über Lieferanten, sucht Käufer und schaut, ob der Betrieb fortgeführt werden kann. Warum soll ein Insolvenzverwalter ein Unternehmen besser führen können als die Geschäftsführung, die das Geschäft kennt? Das ist ein Grundproblem. Insolvenzverwalter sind sehr erfahren in Krisen, aber sie verstehen natürlich nicht automatisch jedes Geschäftsmodell. Denken Sie an Air Berlin . Lucas Flöther war ein super Insolvenzverwalter, aber der hatte vorher natürlich nie eine Fluggesellschaft geführt. Der deutsche Staat kann ja nicht lauter CEOs für Fluggesellschaften auf Halde vorhalten, die dann eingesetzt werden. Also lässt man die Leute, die das operative Geschäft können, an den entsprechenden Stellen. Der Insolvenzverwalter macht Insolvenzverwalter-Dinge: Liquidität prüfen, Masse sichern, mit Gläubigern und Käufern sprechen und das Verfahren ordnen. Kann so ein Verfahren auch für den Insolvenzverwalter selbst zum jahrelangen Großprojekt werden? Ja sicher. Deswegen haben die großen Insolvenzverwalter auch große Teams. Nehmen Sie Lehman Brothers Deutschland. Der Insolvenzverwalter Michael Frege wurde manchmal kritisiert, weil seine Vergütung so hoch war. Da war von rund 100 Millionen Euro die Rede. Aber erstens hat er das vorfinanziert, und zweitens war er mit einem Riesenteam daran. In seiner Kanzlei CMS waren mehr als 100 Leute damit beschäftigt. Warum ist das so aufwendig und teuer? Es gibt eben auch ein volkswirtschaftliches Interesse, dass einer das aufräumt. Da liegen Unterlagen, Investments, Computer, Passwörter. Die Leute, die früher daran gearbeitet haben, sind weg. Das sorgt für viel Ärger. Deswegen braucht man jemanden, der das macht. Die größeren Insolvenzverwalter sind oft mit Chauffeur unterwegs und arbeiten im Auto. Die fahren zum Unternehmen und müssen den Leuten vermitteln: Hier geht vielleicht noch etwas. Die Guten können dafür sorgen, dass die Leute das auch merken. Wer legt fest, wie viel Insolvenzverwalter verdienen? Das Gericht. Der Insolvenzverwalter rechnet nicht einfach nach Stunden ab. Es gibt Gebührensätze. Die Vergütung hängt auch daran, wie viel Insolvenzmasse da ist. Deswegen hat ein Insolvenzverwalter ein großes Interesse, Masse zu finden: durch Verkäufe, durch das Eintreiben von Forderungen, durch Haftungsansprüche gegen Geschäftsführer oder Aufsichtsräte. Das erhöht die Berechnungsgrundlage für seine Vergütung. Und während der Insolvenzverwalter aufräumt: Was heißt das für die Gläubiger? Die Gläubiger melden ihre Forderungen an. Dann wird geschaut: Wie viel Masse ist da, wie hoch sind die Forderungen? Daraus ergibt sich die Quote. Wenn ein Lieferant noch 100.000 Euro bekommt und die Quote zehn Prozent beträgt, bekommt er 10.000 Euro. Das ist bitter, aber wenn kein Geld da ist, kann der Gesetzgeber das Geld nicht herbeizaubern. Wer bekommt als erstes Geld? Zuerst bekommen das Gericht und der Insolvenzverwalter ihr Geld. Danach kommen die besicherten Gläubiger – also häufig Banken, die Sicherheiten haben. Das können Grundschulden, Maschinen, Warenlager oder verpfändete Konten sein. Unbesicherte Gläubiger – Lieferanten, Kunden oder auch Arbeitnehmer mit offenen Forderungen – bekommen nur die Quote. Was ist der Unterschied zu einer Insolvenz in Eigenverwaltung? Bei der Eigenverwaltung bleibt die Geschäftsführung im Amt und führt den Betrieb weiter. Der Insolvenzverwalter wird dann eher zum Sachwalter, der auf das Insolvenzrecht achtet. Das bietet sich an, wenn das Geschäftsmodell im Kern funktioniert und die Geschäftsführung nicht das eigentliche Problem ist. Und was ist, wenn sie doch das eigentliche Problem ist? Es gibt Fälle, da ist das Unternehmen toll, aber die Gesellschafter sind zerstritten. Einige wollen noch Geld investieren, andere stellen sich quer oder wollen ausgezahlt werden. Dann kommt es manchmal zur Insolvenz, denn dabei werden alle Gesellschafter rausgeschmissen. Alle? In einem Insolvenzplan kann es passieren, dass alle bisherigen Gesellschafter durch einen Kapitalschnitt auf null herausgedrängt werden. Danach wird noch einmal Geld eingesammelt. Bei der Frage, wer wieder Anteile bekommt, gibt es oft Machtkämpfe und böses Blut. Aber viele erfolgreiche Insolvenzverfahren sind im Kern Gesellschafterstreitigkeiten. Wie kann so ein Verfahren enden? Es gibt drei Möglichkeiten: fortführen, verkaufen oder abwickeln. In guten Fällen läuft der Betrieb weiter. Entweder über einen Insolvenzplan oder über einen Verkauf der Vermögenswerte an einen neuen Rechtsträger, einen sogenannten Asset Deal. Dann macht das Unternehmen als Organisation weiter – aber rechtlich in einer neuen Hülle. In den meisten Fällen wird aber eingestellt. Dann wird alles verkauft. Warum bekommen Beschäftigte in der Insolvenz oft erst einmal weiter Geld? Das ist ein wichtiger Punkt im deutschen Recht. Unternehmen zahlen eine Abgabe für das Insolvenzgeld. Daraus werden Gehälter für bis zu drei Monate abgesichert. Dann muss das Unternehmen keine Löhne mehr zahlen und hat auf einmal total viel Geld. Es kann Rechnungen begleichen, den Betrieb stabilisieren und investieren. Wie lange kann ein Insolvenzverfahren dauern? Das vorläufige Verfahren dauert häufig drei Monate. Das eröffnete Verfahren kann aber viel länger gehen. Die Herstatt-Bank ging 32 Jahre. Oft ist aber nach den ersten Monaten klar, was passieren soll. Die rechtliche Abwicklung kann trotzdem Jahre dauern. Was passiert am Schluss? Erst, wenn das Verfahren abgeschlossen ist, wird die Gesellschaft gelöscht. Das Handelsregisterblatt wird rot durchgestrichen. Dann ist die Gesellschaft als Rechtsträger weg. Aber nicht alles verschwindet: Mitarbeiter arbeiten woanders weiter, Vermögenswerte werden verkauft, Unternehmensteile finden neue Eigentümer. Genau dafür ist Insolvenzrecht da: Es soll das Chaos ordnen.

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