Strompreiszone: Schleswig-Holstein will sich von Deutschland trennen
In Norddeutschland regt sich Widerstand gegen Pläne der Bundesregierung, die bisherige Strompreiszone zu behalten. Schleswig-Holstein würde sich lieber mit Dänemark zusammentun. Schon seit Längerem ist den nord- und ostdeutschen Bundesländern das deutsche Stromsystem ein Dorn im Auge. Denn während in diesen Regionen vor allem die Windenergie massiv ausgebaut wurde und damit den dort ansässigen Bürgern und Unternehmen hohe Investitionen abverlangt wurden, haben andere Bundesländer eher gezögert. Bayern zum Beispiel hat lange bei der Windkraft gebremst – dort ist allerdings die Solarkraft besonders stark vertreten. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn die Bürgerinnen und Bürger im Norden und Osten etwas von dem Ausbau der Erneuerbaren in ihrem Geldbeutel spüren würden. Das verhindert allerdings das deutsche Stromsystem. In Deutschland gilt eine einheitliche Stromgebotszone , die dazu führt, dass alle Stromerzeuger ihren Strom zu einem einheitlichen Preis verkaufen können – völlig unabhängig davon, ob der Windanlagenbetreiber seinen Strom günstiger erzeugen kann als der Gaskraftwerksbetreiber. Der Preis wird anhand von Angebot und Nachfrage bestimmt: Wenn gerade viel Strom produziert werden kann (weil der Wind weht oder die Sonne scheint), dann sinkt der Preis. Wenn aber hauptsächlich Kohlekraftwerke den Strom liefern, dann ist das teurer. Das gilt dann für alle, ob man nun in Hamburg , Berlin oder München wohnt. Norddeutschland könnte sich mit Dänemark zusammentun Die einheitliche Stromgebotszone verhindert aber, dass die Bundesländer, die besonders viel in erneuerbare Energien investiert haben, auch günstigeren Strom anbieten können. Deshalb empfiehlt die EU auch eine Aufteilung der deutschen Stromzone in mehrere verschiedene: im Norden eine, im Osten eine und auch im Süden und Westen jeweils eine. Einen entsprechenden Bericht hatte das Europäische Netzwerk der Übertragungsnetzbetreiber für Elektrizität (ENTSO-E) vor rund einem Jahr vorgelegt. Die Bundesregierung ist allerdings strikt dagegen – und hat die einheitliche Stromgebotszone im Koalitionsvertrag verankert. Erst zu Jahresbeginn hatten sich Union und SPD erneut darauf verständigt, am bestehenden System festzuhalten. Sie begründet das mit der Sorge vor noch höheren Strompreisen für die Unternehmen im industriestarken Westen und Süden. Vor allem in Bayern sieht man die Strompreiszonentrennung kritisch. Jetzt bekommen die norddeutschen Bundesländer allerdings neuen Rückenwind für ihre Forderung. Die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein (IHK SH) hat in der vergangenen Woche eine Studie vorgelegt, die eine Abtrennung Schleswig-Holsteins und Hamburgs von der deutschen Stromzone vorschlägt. Stattdessen sollten die beiden Regionen gemeinsam mit Dänemark West eine neue Strompreiszone bilden, die sogenannte Nordic Twin Sea Zone (NTSZ). Wasserstoff könnte in Deutschland hergestellt werden Vorteile wären unter anderem sinkende Strompreise für Bürger und Unternehmen in dieser Zone. Zudem dürfte der Anteil der erneuerbaren Energien dort bei über 90 Prozent liegen – der unter anderem zur Herstellung von grünem Wasserstoff in Europa genutzt werden könnte. "Für Deutschland wird die heimische, inländische Wasserstoffproduktion zu wettbewerbsfähigen Preisen von 3-5 €/kg Wasserstoff (90-150 €/MWh) als Mittelwert eines 20-Jahres-Kontraktes möglich", so die IHK SH. Wasserstoff wird für eine klimaneutrale Industrie dringend benötigt, da sich viele chemische Prozesse nicht auf Strom umstellen lassen. In diesen Fällen wird langfristig der Wechsel von Erdgas auf Wasserstoff angestrebt . Allerdings gibt es in Europa aktuell noch keine wirkliche Wasserstoffproduktion, da die Nachfrage nicht wie erhofft anläuft. Ohne sichere Abnahme wollen Investoren nicht in den Bau der Elektrolyseuren investieren. Doch die Zeit rennt, und die Konkurrenz schläft nicht. China hat den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur zu wettbewerbsfähigen Preisen in seinen neuen Fünfjahresplan aufgenommen. Wenn Europa nicht bald mitzieht, droht es, den Anschluss zu verlieren. Auch deshalb kommt die Idee der IHK SH in Brüssel wohl gut an. Eine Region, in der grüner Wasserstoff verlässlich hergestellt werden kann, wird dringend gesucht; die IHK SH betitelt die Nordic Sea Twin Zone als mögliches "Green Energy Hub" für Europa. Es könnte eine Modellregion werden, die sich im Laufe der Zeit auf weitere Orte in der EU anwenden ließe. Noch dazu würde die Zone das deutsche Stromsystem entlasten: Weniger Windenergie-Anlagen müssten wegen Überlastung abgeschaltet werden , und die erzeugte Energie könnte stattdessen sinnvoll eingesetzt werden. Auch das entlastet den Geldbeutel der Verbraucher: Aktuell zahlt der Steuerzahler jährlich Milliardensummen aufgrund von abgeregelten Stromanlagen. Schleswig-Holstein will in Brüssel für die Idee werben Doch die Bundesregierung ist wenig begeistert; sie beharrt auf die Beibehaltung der aktuellen Strompreiszone. Im schleswig-holsteinischen Energieministerium kommt das nicht gut an: "Wir akzeptieren unterschiedliche Preise bei Mieten, Lebensmitteln oder Kraftstoffen, weil Angebot und Nachfrage regional verschieden sind", sagt der zuständige Minister Tobias Goldschmidt (Grüne). "Beim Strom tun wir oft so, als gäbe es diese Unterschiede nicht. Dass Strom in Deutschland überall zum gleichen Preis gehandelt wird, setzt falsche Marktanreize. Es suggeriert Mangel, wo Fülle herrscht und umgekehrt. Dadurch entstehen vermeidbare Kosten, die von uns allen getragen werden müssen." Der vorliegende Vorschlag könnte Strompreise für alle senken und "für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland einen Knoten durchschlagen". Er fordert eine "ergebnisoffene, faktenbasierte Diskussion" um die Neugestaltung des Strommarktes. "Klar ist: Wir müssen endlich dazu ins Gespräch kommen!" Auch andere Bundesländer könnten nach dem IHK-Vorschlag langfristig in die NTSZ integriert werden. Zu Beginn würden Schleswig-Holstein, Hamburg und Westdänemark eine Zone bilden, in einer späteren Phase wäre aber auch die Integration von Mecklenburg-Vorpommern denkbar. Brüssel kann Deutschland auch zwingen Eine solche Aufteilung könnte die EU tatsächlich auch gegen den Willen der Bundesregierung bestimmen. Deutschland muss dann aber zeigen, wie sie als verlässlicher Energiepartner in Europa auch unter Wahrung der einheitlichen Stromzone agieren kann. Dass in Brüssel allerdings auch mal über den Kopf der Landesregierung hinweg entschieden wird, zeigt 2010 der Fall in Schweden : Damals entschied die EU, das skandinavische Land in vier verschiedene Zonen zu unterteilen. Auch in Norwegen und Dänemark gibt es mehrere Strompreiszonen. Das sind auch die Länder, die in Brüssel besonders darum werben, dass Deutschland seine Position ändert. Schweden hat 2024 ein Projekt für eine gemeinsame Stromtrasse zwischen Deutschland und Schweden gestoppt, da "das deutsche Stromsystem nicht effizient funktioniert", sagte damals die schwedische Energieministerin Ebba Busch. Dass Brüssel über den Kopf der Bundesregierung hinweg tatsächlich eine Aufteilung der Strompreiszone durchsetzt, ist allerdings unwahrscheinlich. Im Vergleich zu Schweden hat Deutschland eine größere industrielle Basis, zudem ist die Wirtschaftslage aktuell gravierender als bei der Entscheidung 2010. Eine zusätzliche Belastung der deutschen Industrie müsste gut begründet sein. Unmöglich ist es aber dennoch nicht – Schleswig-Holstein und Hamburg wollen jetzt genau dafür stärker eintreten.