Ich bin 70: In welche Produkte investiere ich jetzt noch?
Sobald kein Gehalt mehr fließt und der Anlagehorizont sinkt, werden viele Senioren bei der Geldanlage vorsichtig. Das Geld nur auf dem Girokonto zu parken, ist trotzdem keine gute Idee. "Je früher, desto besser." Zeit gilt bei der Geldanlage wegen des Zinseszinseffekts sowie wegen des Ausgleichs möglicher Kursschwankungen bei Aktien als einer der wichtigsten Faktoren. Was aber, wenn davon aufgrund eines höheren Lebensalters nicht mehr so viel bleibt? "Dann habe ich trotzdem noch verschiedene Anlagemöglichkeiten", sagt Honorar-Finanzanlageberater Kevin Kronauer. "Ich muss aber auf die Gewichtung schauen und Risiken reduzieren." Wie man dabei am besten vorgeht? Die folgenden Fragen und Antworten bieten Orientierung. Wie finde ich heraus, ob mein Geld für den Ruhestand richtig angelegt ist? "Dafür muss ich mir zunächst einen Überblick verschaffen, was überhaupt da ist", sagt Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Um auch gleich die verschiedenen Risiken abzubilden, empfiehlt er, den Vermögensbestand grob vier Anlageklassen zuzuordnen. Auf Stapel eins kommen die eher sicherheitsorientierten Anlagen mit bescheidenen Zinsen wie Tagesgeld, Bausparguthaben, klassische Lebens- und Rentenversicherungen, Bundeswertpapiere, Anleihen-ETFs sowie Rentenfonds. Auf den zweiten Stapel packt man Verträge, mit denen man direkt oder indirekt am Aktienmarkt anlegt - wie Einzelaktien, Aktienfonds, ETFs sowie fondsgebundene Rentenversicherungen. Den dritten Stapel bildet das Immobilienvermögen. Neben dem Eigentum gehören hierzu auch vermietete Immobilien sowie Immobilienfonds. Auf Stapel vier kommen Geldanlagen in Rohstoffe wie etwa Gold . "Nun notiere ich noch die jährlichen Kosten aller Produkte sowie die jeweiligen Laufzeiten von Verträgen", sagt Niels Nauhauser. Gut sei es, wenn die Risiken auf verschiedene Vermögensklassen, also die vier Stapel, gestreut seien. Von Produkten, die hohe Kosten verursachen und schlechte Rendite bringen, könne es sinnvoll sein, sich zeitnah - oder spätestens zum Ende einer etwaigen Laufzeit - zu trennen. Wie viel Geld brauche ich noch wofür? Lebenshaltungskosten, geplante Reisen, der anstehende seniorengerechte Umbau des Badezimmers, eine Rücklage für Autoreparaturen, Gesundheitskosten: "Ich muss mir klar werden, mit welchen Ausgaben ich für mich in den nächsten fünf Jahren rechne", sagt Kevin Kronauer. Diese Summe sollte im Liquiditätstopf vorgehalten werden, denn hierauf sollten Sparerinnen und Sparer jederzeit Zugriff haben. Trotzdem sollte diese Summe nicht einfach auf dem Girokonto geparkt werden. Denn weil es dort in der Regel keine oder nur geringfügige Zinsen gibt, kann damit noch nicht einmal die Inflation ausgeglichen werden - das Geld wird so immer weniger wert. "Hier raten wir zu einem Tages- oder Festgeldkonto", sagt Markus Latta, Finanzexperte vom Verbraucherservice Bayern. Vergleiche zeigen immer wieder, dass Direktbanken hier deutlich bessere Zinsen bieten als die Hausbank vor Ort. Gute Übersichten von seriösen Anbietern finden sich beispielsweise bei der Stiftung Warentest. "Wer es sich nicht selbst zutraut, online ein solches Konto zu eröffnen, kann vielleicht in der Familie oder bei einer anderen Vertrauensperson nachfragen", sagt Markus Latta. Kevin Kronauer hält auch sogenannte Geldmarkt-ETFs für eine gute Möglichkeit, um das Geld aus dem Liquiditätstopf anzulegen. Geldmarkt-ETFs sind börsengehandelte Indexfonds, die das Vermögen ihrer Anleger in sichere, kurzfristige Anlageformen wie Bankeinlagen oder Staatsanleihen mit geringer Restlaufzeit investieren. "Hier bin ich weder auf die Einlagensicherung der Banken angewiesen noch bin ich abhängig von den oft schwankenden Zinsen beim Tagesgeld", so Kronauer. Geldmarkt-ETFs lassen sich täglich kaufen und verkaufen - ohne feste Laufzeiten oder Kündigungsfristen. Und was mache ich mit dem Geld, das ich vorerst nicht brauche? "Da sollte man berücksichtigen, ob man einen Teil dieses Geldes vielleicht vererben möchte", sagt Markus Latta. Wenn das der Fall ist, verlängert sich der Anlagehorizont über die eigene Lebensdauer hinaus, was auch die Anlage in Aktien-ETFs attraktiver macht. "Allerdings sollte man unbedingt vorab das Gespräch mit den Erben suchen und sich ein Bild über die Wertschwankungsrisiken machen", empfiehlt Niels Nauhauser. Andernfalls könne es passieren, dass etwa die Kinder das Geld nach dem Tod beispielweise direkt brauchen, um eine Immobilie zu finanzieren - und eine eventuelle schlechte Börsenphase nicht aussitzen können. Als weitere Möglichkeit bringt Markus Latta eine Schenkung ins Spiel: "So kann ich einen Teil des Geldes schon mal an den Nachwuchs weitergeben und die steuerlichen Freigrenzen ausschöpfen." Bleibt der Teil des Vermögens, den man für sich selbst anlegt. Dieser sollte in den sogenannten Wachstumstopf wandern, wie ihn Kevin Kronauer nennt - unseren Stapel zwei. "Hier eignet sich ein breit aufgestelltes ETF-Depot. Je nach meinem finanziellen Spielraum stelle ich mich hier mehr oder weniger offensiv auf." Ist der Liquiditätstopf vom ersten Stapel nach fünf Jahren leer, wird aus dem Wachstumstopf wieder Geld umgeschichtet. "Das ist ein sehr einfaches Vorgehen, das mir trotzdem Möglichkeiten zur Geldanlage lässt", findet Kronauer. In seinen Beratungen erlebt es Markus Latta häufig, dass Senioren einen Teil ihres Geldes in von der Bank gemanagte Fonds angelegt haben. "Oft haben diese eine mäßige Entwicklung bei recht hohen Kosten." Dann könne es ratsam sein, dieses Geld eher in einen passenden ETF umzuschichten. Auch Niels Nauhauser hat immer wieder Ruheständler in der Beratung, die sich über ETFs informieren möchten. Ihnen zeigt er auf, dass die potenziell höheren Renditen immer mit einem steigenden Risiko einhergehen. In der Vergangenheit sei es bislang zwar immer so gewesen, dass breite Aktieninvestments nach einer Anlagedauer von zwölf Jahren nominal im Plus gewesen seien. Doch niemand kann vorhersagen, ob einem noch zwölf Lebensjahre bleiben und ob diese Faustregel sich auch künftig weiter bewahrheiten wird. Daher "bleibt immer ein Restrisiko, dass ich tragen können muss und will", so Nauhauser. Gibt es Anlageprodukte, von denen man im Alter besser die Finger lässt? Da fallen Niels Nauhauser gleich mehrere ein - allen voran Bausparverträge. "Hier sind die Abschlussgebühren höher als die möglichen Guthabens-Zinsen bis zur Zuteilung." Infrage kämen solche Verträge allenfalls noch als Renovierungsrücklage für Eigenheimbesitzer. Ebenfalls hohe Kosten und eine schlechte Rendite brächten Garantie-Zertifikate sowie Mischfonds aus maximal 30 bis 40 Prozent Aktien und dem Rest Anleihen. Auch von Rentenversicherungsverträgen raten die Experten ab. "Diese werden gern im Alter noch zur Geldanlage verkauft, haben aber hohe Abschlusskosten", sagt Markus Latta. Kevin Kronauer erlebt auch immer wieder Menschen in der Beratung, die ihr Vermögen ihr Leben lang nicht investiert und nur auf dem Girokonto geparkt haben. "Wenn sie dann im Alter anfangen, sich mit dem Thema Geldanlage zu beschäftigen, merken sie, wie viel Rendite ihnen all die Jahre entgangen ist." Dann kämen manche von ihnen auf die Idee, jetzt noch in sehr risikoreiche Anlagen wie Einzelaktien oder in Krypto-Währung zu investieren. "Davon sollte man aber lieber die Finger lassen", so Kronauer weiter.