Polizist Johannes Daxbacher über Hass und Kampfsport
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, manchmal fühlt sich die Welt an wie ein schlecht gelauntes Meeting, das niemals endet. Jeder pocht auf seine Position, verteidigt sein kleines Reich und beäugt andere Leute mit dem strategischen Misstrauen eines Schachspielers, der eine Niederlage wittert. Wir sortieren uns in Blasen, Berufe und Meinungen. Hier die Kreativen, da die Controller. Hier die Beamten, da die Rebellen. Hier die Linken, da die Rechten. Diese ins Töpfchen, jene ins Kröpfchen. Und dann betritt man einen Raum, in dem alle das Gleiche tragen: einen weißen, etwas steifen Baumwollanzug. Barfuß sind sie auch alle. Willkommen im Dojo, willkommen beim Judo. Unser heutiger Podcast-Gast ist dort zu Hause: Als Polizist hat Johannes Daxbacher jahrelang für Recht und Ordnung gesorgt, eine Rolle, die per se eine gewisse Distanz schafft. Hören auf: Spotify | Apple || Transkript Auf der Matte jedoch ist er einfach der Johannes, ein Judoka mit dem Gürtel des 7. Dan, also ein echter Meister. Ein Trainingspartner, der anderen zeigt, wie sie fallen, ohne sich wehzutun. Der ihnen beibringt, dass es nicht um rohe Kraft geht, sondern um Balance und den richtigen Impuls im entscheidenden Augenblick. So lehrt es Daxbacher vielen jungen und älteren Menschen hierzulande, aber auch in Afrika und Asien. Das Grundprinzip des Judo lautet "Siegen durch Nachgeben": Man kämpft nicht gegen die Kraft des Gegners, man nutzt sie, lenkt sie um und bringt den anderen durch seine eigene Energie aus dem Gleichgewicht. Aber nicht um ihn zu demütigen, sondern um ihm anschließend die Hand zu reichen und sich für den Kampf zu bedanken. Auf der Trainingsmatte sind die Etiketten des Alltags für eine Stunde Makulatur. Der Manager im Clinch mit dem Studenten, die Ärztin im Haltegriff des Handwerkers. Man verbeugt sich voreinander, vor und nach jedem Kampf. Eine Geste des Respekts, die nichts mit dem Ergebnis zu tun hat. Es ist die Anerkennung des Partners, ohne den das eigene Wachstum unmöglich wäre. Was im Kleinen auf der Judomatte funktioniert, ist im Grunde auch die Blaupause für einen Teil dessen, was wir ehrenamtliches Engagement nennen: Respekt vor anderen Menschen, das Kanalisieren von Kraft, das gemeinsame Wachsen. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen finden ein gemeinsames Ziel, das größer ist als ihre individuellen Interessen. Sie bringen ihre Energie nicht gegeneinander auf, sondern bündeln sie für eine Sache. Vielleicht bräuchten wir alle im Alltag weniger Konfrontation und mehr spielerischen Kampf, bei dem am Ende alle etwas gelernt haben. Der Sport hebt uns nicht aus der Welt, aber er kann uns zeigen, wie wir sie besser machen. Manchmal reicht dafür schon ein beherzter Griff und die Bereitschaft, gemeinsam zu fallen – um gemeinsam wieder aufzustehen. Darum geht es in unserem Gespräch, das Sie hier hören können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schwungvolles Wochenende. Am Montag kommt der Tagesanbruch von unserer Reporterin Camilla Kohrs. Herzliche Grüße Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa und Reuters, Recherche unterstützt von Google Gemini und Anthropic Opus.