Ein brillanter Kopf
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, es gibt Situationen, in denen man dem Ächzen eines Systems so lange zuhört, bis man seinen Bruch fast herbeisehnt. Das deutsche Gesundheitswesen befindet sich in so einer Situation. Es steht unter doppeltem Druck: Da ist zum einen die prekäre Kassenlage – die Ausgaben wachsen schneller als die Einnahmen, getrieben von der alternden Gesellschaft und immer teureren Leistungen. Da ist zum anderen ein Reformstau von historischer Wucht: zu viele Kliniken, zu wenig Digitalisierung, wuchernde Bürokratie, Pflegenotstand – alles gleichzeitig, alles heikel, alles dringend. Angesichts dieser Herausforderungen wirkt das Sparpaket der schwarz-roten Bundesregierung wie ein Pflaster für einen Patienten, der ums Überleben kämpft. Die seit Jahren geforderte Strukturreform bleibt ein frommer Wunsch. Immer mehr Bürger spüren die Misere. Der DAK-Gesundheitsmonitor zeichnet ein ernüchterndes Bild: Die Zufriedenheit mit dem System liegt auf dem tiefsten Stand seit 15 Jahren – Ärztemangel, endlose Wartezeiten und steigende Kosten plagen Millionen Menschen. 61 Prozent der Befragten haben auch keinen guten Eindruck von der Gesundheitspolitik – der schlechteste Wert seit fast zwei Jahrzehnten. 59 Prozent rechnen mit einer schlechteren Versorgung in den kommenden zehn Jahren, viele fürchten die Folgen der Zwei-Klassen-Medizin. Bei diesem tristen Befund könnte man verharren und in Resignation verfallen. Doch der "Tagesanbruch" ist ein Format, das weiter blickt als nur bis in den nächsten Abgrund. Wer es ebenso hält, wird erkennen: Wo die Schatten länger werden, gibt es natürlich auch Licht. Während die Verwaltung der Medizin ächzt und knirscht, zählt die medizinische Forschung hierzulande zur Weltspitze. Exzellente Grundlagenforschung, starke Universitäten, Institute wie Helmholtz, Deutsches Krebsforschungszentrum, Fraunhofer und Max-Planck zieren die Republik. Ihr Erfolg basiert nicht nur auf Geld und guter Ausbildung. Er ist vor allem brillanten Köpfen zu verdanken – und auffallend viele dieser Köpfe sind aus dem Ausland hierhergekommen. Einen dieser Menschen möchte ich Ihnen heute vorstellen. Er ist nicht nur ein medizinisches Vorbild. Er ist auch ein lebender Beweis, wie viel Deutschland zu verlieren hätte, würde es Menschen wie ihn nicht anziehen. Salah-Eddin Al-Batran wurde als Sohn geflüchteter palästinensischer Eltern in Jordanien geboren. Er wuchs in Saudi-Arabien auf und kam mit 17 Jahren über Syrien nach Deutschland – ohne ein Wort Deutsch zu beherrschen. Binnen sechs Monaten erlernte er die neue Sprache und nahm ein Medizinstudium auf. Aus dem jungen Zuwanderer wurde ein Arzt, dann ein Wissenschaftler, dann ein Unternehmer. Als Fachgebiet wählte er die Onkologie, weil Krebs in seinen Augen "eine der größten Herausforderungen der Menschheit" darstellt: die Krankheit, vor der sich jeder fürchtet. Im Klinikbetrieb entwickelte er eine neue Therapie zur Behandlung von Magen- und Speisenröhrenkrebs. Setzte medizinische Studien auf. Stellte Patientengruppen zusammen. Organisierte Geld. Experimentierte mit Medikamenten. Und schaffte es tatsächlich, ohne einen Pharmakonzern im Rücken einen bahnbrechenden Erfolg zu erzielen, indem er die Heilungsrate der Erkrankten signifikant steigerte. Es dauerte noch Jahre, bis man auch in den USA begriff, welcher medizinische Durchbruch da einem jungen Arzt in Frankfurt gelungen war. Doch heute ist die FLOT-Therapie von Professor Doktor Al-Batran der weltweite Standard bei der Behandlung von Magen- und Speiseröhrenkrebs. Seine Methode rettet jedes Jahr tausenden Menschen das Leben. Der Mann ist also eine medizinische Koryphäe, ein brillanter Arzt und Forscher – und, ja, auch ein Musterbeispiel geglückter Integration. Bezeichnend, dass ausgerechnet er sagt, er habe seine "Positivität gegenüber Deutschland nie verloren", während so viele andere Leute hierzulande nur noch klagen. Man kann gottfroh sein, Menschen wie ihn hier zu haben. Sein Werdegang ist eine Erinnerung daran, dass Innovation nicht durch Abschottung entsteht, sondern durch kluge Köpfe, die man fördert und anzieht – auch aus dem Ausland. Wie gelangte Professor Al-Batran zu seinem Erfolg? Welche Ergebnisse erzielt er mit seiner jüngsten Forschung zur Verlängerung der menschlichen Lebenszeit? Wie blickt er auf das deutsche Gesundheitssystem und auf die Forschung, warum fordert er "eine Revolution"? Und weshalb wählte er damals, als er nach Europa kam, ausgerechnet Deutschland als neue Heimat? All das hat er mir im "Vorangedacht"-Podcast erzählt. Nachdem meine Kollegin Viola Koegst die Aufnahme fertig produziert hatte, sagte sie spontan: "Für mich ist es eine unserer besten Folgen." Ich finde, sie hat recht, und empfehle sie Ihnen gern. ISRAELS HASS-MINISTER Konsequenzen, bitte! Seit Israels Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir gezielte Tötungen von Palästinensern im Gazastreifen gefordert hat – "30 bis 40" jede Nacht – ist die Empörung zu Recht groß. Gestern verurteilte auch der urlaubende Kanzler Friedrich Merz über seinen Sprecher die Hassrede des rechtsradikalen Politikers als "menschenverachtend" und "nicht hinnehmbar". Zuvor hatte neben anderen bereits SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil Konsequenzen für den Hetzer gefordert, dessen Partei "Jüdische Stärke" dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu die Macht sichert. Auf europäischer Ebene müssten jetzt "sehr ernsthaft" Sanktionen geprüft werden. Beim nächsten informellen EU-Außenministertreffen Anfang September soll das Thema auf der Tagesordnung stehen . Bislang allerdings gehörte Deutschland auf EU-Ebene zu einer Minderheit von Ländern, die Sanktionen gegen den nicht zum ersten Mal auffällig gewordenen Ben-Gvir ablehnen. Während Frankreich, die Niederlande, Spanien, Slowenien, Irland, Polen und Belgien – wie auch Großbritannien, Australien, Kanada, Neuseeland und Norwegen – den Sicherheitsminister ebenso wie dessen Gesinnungsgenossen im Finanzressort, Bezalel Smotrich, längst mit einem Einreiseverbot belegt haben, blockierte Berlin konzertierte EU-Maßnahmen. Dabei stünden diese keineswegs im Widerspruch zur besonderen deutschen Verantwortung für Israel. Im Gegenteil: Sich unmissverständlich gegen jene zu stellen, die den jüdischen Staat mit rechtsradikaler Ideologie, Gewalt und Hass diskreditieren, wäre ein echter Freundschaftsdienst. Ob das auch Merz und Klingbeil irgendwann verstehen und ihren Worten Taten folgen lassen? LEERE GASSPEICHER Verhallende Appelle Bei 50 Prozent lag der Füllstand der deutschen Gasspeicher gestern – wenige Wochen vor Beginn der Heizsaison ein historisch niedriger Wert. Laut den gesetzlichen Vorgaben sollen bis November 70 Prozent erreicht sein. Dass die Versorger zögern, Reserven zu bilden, liegt an dem wegen des Iran-Kriegs und der Sperrung der Straße von Hormus gestiegenen Großhandelspreis des Rohstoffs: Kostete eine Megawattstunde Gas im Januar noch 30 Euro, sind es nun schon mehr als 60 Euro. Handlungsbedarf sieht man im Wirtschaftsministerium gleichwohl noch nicht. Staatliche Subventionen oder Zukäufe sind nicht geplant. Das Ministerium von CDU-Ressortchefin Katherina Reiche appelliert stattdessen, wie auch Netzagentur-Chef Klaus Müller, an die Verantwortung der Händler. Da diese mit ihrem Produkt aber vor allem Gewinn machen wollen, lässt sich eine Prognose jetzt schon stellen: Selbst, wenn es für die Endverbraucher nicht knapp wird, teurer wird es auf jeden Fall . KONFERENZ IN ROSTOCK Nordlichter unter sich Mitten im Landtagswahlkampf dürfte ihr dieser Termin gerade recht kommen: Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig leitet heute in Rostock die alljährliche Konferenz der norddeutschen Regierungschefs, empfängt also als Prima inter Pares ihre Kollegen aus Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Inhaltlich wollen sich die Nordländer für Nachbesserungen an der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und für mehr Küstenschutz starkmachen. Die nächste Sturmflut kommt bestimmt. Lesetipps In Deutschland brennen Wälder, der Rheinpegel fällt auf einen Tiefststand, am Flughafen Leipzig löst eine Drohne Alarm aus. Doch Friedrich Merz bleibt abwesend – und wird gerade dadurch zum Thema, schreibt unsere Kolumnistin Nicole Diekmann. Artikel lesen Leere Gasspeicher und steigende Netzentgelte für alle Bürger, die eine private Solaranlage auf dem Dach betreiben: Im Interview mit meinen Kollegen Amy Walker und Florian Schmidt erklärt Netzagentur-Präsident Klaus Müller, was er davon hält. Artikel lesen Immer skrupelloser attackiert das russische Regime europäische Länder. Jetzt schickt die Nato Putin eine deutliche Warnung, berichtet mein Kollege Martin Küper. Artikel lesen Zweimal ist Jamal Musiala innerhalb weniger Tage unerwartet gestürzt. Später sprach er von "Absencen". Der Neurologe Peter Berlit erklärt im Interview mit meiner Kollegin Lynn Zimmermann, welche Folgen die Diagnose für die Karriere des Bayern-Dribblers haben könnte. Artikel lesen Ohrenschmaus Heute vor 30 Jahren entschwand der König von Deutschland in höhere Gefilde. Ich bin sicher, dass er dort oben ebenso wild weiterregiert wie einst hier unten . Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen entspannten Tag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa und Reuters, Recherche unterstützt von Google Gemini und Anthropic Opus.