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Pisa-Ergebnisse: Expertin fordert Bildung zur Chefsache zu machen

Deutschlands Schüler verlieren den Anschluss. Bildungsforscherin Anne Sliwka erklärt, was andere Länder besser machen – und will einen grundlegenden Kurswechsel. Der erste "Pisa-Schock" traf Deutschland vor 25 Jahren. Seitdem wurde über Schulreformen gestritten, gefördert, digitalisiert – und immer wieder Besserung versprochen. Doch heute stehen Deutschlands Schüler schlechter da als damals, wie aus den am Dienstag vorgestellten Pisa-Ergebnissen hervorgeht. Bildungsforscherin Anne Sliwka warnt vor einer "Abwärtsspirale" und gravierenden Folgen für den Wohlstand. Im Interview erklärt sie, warum frühe Förderung entscheidend sei, was andere Länder besser machten – und weshalb Bildung endlich Chefsache werden müsse. Pisa schockt Deutschland erneut: Diese Nachteile haben Schüler in anderen Ländern nicht Altkanzlerin äußert sich: Merkel schaltet sich in AfD-Debatte ein t-online: Frau Sliwka, 2001 lösten deutlich bessere Pisa-Ergebnisse als heute den sogenannten Pisa-Schock aus. Der scheint aktuell auszubleiben. Haben wir uns an den Bildungsabstieg in Deutschland gewöhnt? Anne Sliwka: Ja, es gibt inzwischen eine gewisse Haltung nach dem Motto: "Ach, Pisa, alle Jahre wieder – und es ändert sich nicht viel." Dabei sind die Kompetenzen im Vergleich zur vorherigen Erhebung erneut leicht zurückgegangen. Deutschland wird also immer schlechter? Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale. Das betrifft allerdings viele Länder, denn die Ergebnisse sind fast überall zurückgegangen. Deutschland liegt inzwischen im Bereich des OECD-Durchschnitts. Damit können wir uns nicht zufriedengeben. Sie sagen, fast überall sind die Leistungen zurückgegangen. Woran liegt das? Die Diskussion über die Ursachen beginnt jetzt erst. Eine Erklärung sind sicherlich die Nachwirkungen der Corona-Pandemie. Die jetzt getesteten Jugendlichen haben die Pandemie gegen Ende ihrer Grundschulzeit erlebt. Schon in den ersten Studien nach Covid konnten wir Lernlücken beobachten. Die Schulschließungen haben sich definitiv auf den Kompetenzstand ausgewirkt. Sie sehen aber noch einen anderen Grund: Smartphones und soziale Medien. Ja. Wir gehen davon aus, dass das Aufwachsen in einer hochmedialisierten Kindheit eine Rolle spielt. Viele Kinder, die heute zur Schule gehen, sind schon im Kleinkindalter mit Smartphones aufgewachsen. Weltweit sehen wir deshalb gerade, dass Schulsysteme Handys stärker aus den Schulen verbannen – häufig bis zu einem Alter von 15 oder 16 Jahren. Was macht die intensive Mediennutzung mit Kindern? Sie wirkt sich vermutlich negativ auf die Aufmerksamkeitsspanne aus. In den Pisa-Ergebnissen zeigt sich, dass viele Jugendliche Informationen nur noch oberflächlich verarbeiten und Schwierigkeiten haben, tiefer in komplexe Texte einzusteigen. Was folgt daraus für die Schulen? Gerade in Grundschulen und bei jüngeren Jahrgängen müssen wir wieder sehr viel Aufmerksamkeit auf das Lesenlernen und das tatsächliche Verstehen komplexerer Texte legen. Dasselbe gilt für den systematischen Aufbau mathematischer Kompetenzen. Das Ablenkungspotenzial in unserer heutigen Welt ist enorm. Sich wirklich auf Lernen und Schule zu konzentrieren, wird dadurch schwieriger. Ein weiterer Punkt ist aber auch wichtig. Und zwar? Jugendliche wachsen heute in einer Welt mit vielen Krisen auf. In vielen Schulsystemen gibt es zudem geflüchtete Kinder und Jugendliche. Schule muss deshalb auch mentale Gesundheit und Wohlbefinden viel stärker in den Blick nehmen als bisher. Wir sehen schon seit ungefähr 2010 einen Anstieg psychischer Belastungen unter Jugendlichen, und der lässt sich nicht auf Migration zurückführen. Wir gehen davon aus, dass auch hier soziale Medien eine Rolle spielen – weil sie die Krisen natürlich sehr sichtbar für Kinder macht. Einige Länder haben bereits Social-Media-Verbote für Jugendliche eingeführt. Wäre das auch ein Modell für Deutschland? Bis zu einem bestimmten Alter halte ich stärkere Beschränkungen für sinnvoll. Jugendschutz gibt es schließlich schon lange beim Alkohol oder im Kino. Sie würden also tatsächlich eine Altersgrenze einführen? Ich halte es für sinnvoll, die Nutzung beispielsweise bis zu einem Alter von etwa 14 Jahren deutlich stärker zu regulieren. Bei sozialen Medien ist inzwischen gut erforscht, dass sie suchtähnliches Verhalten auslösen können. Gleichzeitig müssen die Plattformen rechtlich stärker in die Verantwortung genommen werden. Das wird auf jeden Fall ein dickes Brett. Nun leben wir in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz Texte schreiben, Informationen zusammenfassen und mathematische Aufgaben lösen kann. Was müssen Schülerinnen und Schüler überhaupt noch selbst können? Je mehr ein Mensch weiß, desto besser kann er solche Werkzeuge nutzen. Diese Logik galt schon immer, und sie gilt auch für KI . Wissen wird durch KI also nicht weniger wichtig? Im Gegenteil. Je mehr ich weiß, desto besser kann ich KI bei meiner Arbeit einsetzen. Wissen verliert durch KI nicht an Bedeutung – Wissen gewinnt an Bedeutung. Vielerorts fehlen Lehrkräfte, viele Schulgebäude sind sanierungsbedürftig, und bei der Digitalisierung gibt es große Defizite. Wie lässt sich das lösen? Es gibt durchaus Bundesländer, die sich in diesen Bereichen verbessert und viel in ihre Schulgebäude investiert haben. Dort sieht man positive Effekte. Das Bild ist also nicht überall nur düster. Aber sicher: Die Lehrkräfteversorgung, insbesondere im ländlichen Raum, ist ein Riesenproblem. Das war beispielsweise auch in Sachsen-Anhalt im Wahlkampf ein Thema. Die rechtsextreme AfD Sachsen-Anhalt will die Bildungspolitik dort grundlegend verändern, die Schulpflicht abschaffen. Was wären die Folgen? Die Schulpflicht abzuschaffen, hielte ich für fatal. Man kann in den USA sehen, welche Folgen es haben kann, wenn der Schulbesuch nicht mehr verbindlich ist oder nicht ausreichend kontrolliert wird. Dort gibt es Regionen mit sehr niedrigen Bildungsniveaus. Das hielte ich für enorm problematisch. Wann hat Deutschland bildungspolitisch denn die falsche Abzweigung genommen? Den einen entscheidenden Zeitpunkt gibt es nicht. Man muss die deutschen Daten differenziert betrachten. Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Herkunft und den Pisa-Lernständen ist in Deutschland enorm stark. Deutschland hat also vor allem ein Gerechtigkeitsproblem? Ja. Das wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass Deutschland Schülerinnen und Schüler sehr früh auf unterschiedliche Schularten verteilt und damit auch segregiert. Nur in sehr wenigen Bildungssystemen weltweit ist der Effekt der besuchten Schulart auf den Lernstand so groß wie in Deutschland. In diesem Bereich gehören wir bei Pisa zur Schlussgruppe. Was bedeutet dieser "schulartbezogene Effekt" konkret? Welche Schulart ein Kind besucht, hat in Deutschland einen sehr starken Zusammenhang mit seinem Lernstand. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. An nicht gymnasialen Schularten fehlen teilweise die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler, die eine Klasse mitziehen können. Aber damit sind wir schon bei der Interpretation. Das eigentliche Problem liegt also noch tiefer? Ja. Welche Schulart ein Kind besucht, hängt in Deutschland sehr stark mit dem sozioökonomischen Hintergrund seiner Familie zusammen. Insofern kann man schon von einem ungerechten Schulsystem sprechen. Es teilt Kinder sehr früh auf, und dadurch geht die Schere zwischen den Schularten weit auseinander. Und dann verstärken sich die Unterschiede noch? Genau. An manchen Schulen sind nicht genügend Lehrkräfte vorhanden, häufiger fällt Unterricht aus, und es wird mehr fachfremd unterrichtet. Das verstärkt aus meiner Sicht die Ungerechtigkeit zusätzlich. Was müsste Deutschland dagegen tun? Die Politik setzt inzwischen stärker auf frühkindliche Bildung. Das halte ich für richtig. Wieso? Wir sehen beispielsweise, dass die Schweiz und Großbritannien in die Pisa-Spitzengruppe aufgestiegen sind. Beide Länder haben ambitionierte Programme für frühkindliche Bildung aufgelegt und beginnen bereits bei Vierjährigen mit Diagnostik und Bildungsplänen. Man kann zumindest vermuten, dass das Früchte trägt. Könnten Sie sich ein solches Modell auch für Deutschland vorstellen? Ja. Ich glaube, dass wir eine verbindliche Vorschulbildung brauchen, vor allem natürlich für sozioökonomisch benachteiligte Kinder. Ich würde sie flächendeckend einführen – mit Bildungsplänen und einer verbindlichen Diagnostik für Vier- bis Sechsjährige. Die Schweiz und Großbritannien haben solche Ansätze umgesetzt, und beide Länder haben sich verbessert. Das ist auch in Bezug auf Kinder mit Migrationshintergrund wichtig. Wir müssen sehr früh den Sprachstand feststellen. Sprache ist für Bildung entscheidend. Deshalb sollte das bereits im Vorschulalter geschehen. Was machen erfolgreiche Länder darüber hinaus besser als Deutschland? Sie setzen erstens konsequent auf frühkindliche Bildung. Dabei geht es ausdrücklich um Bildung statt nur um Betreuung. Im Vorschulalter darf nicht nur Sprache gefördert werden, sondern schon erste mathematische Fähigkeiten. Zweitens arbeiten erfolgreiche Systeme sehr konsequent mit Daten und Diagnostik. Also mehr Tests? Nicht Tests um des Testens willen. Man schaut sich regelmäßig den Lernstand der Kinder an und fördert sie anschließend passgenau, damit sie den jeweils nächsten Schritt gehen können und nicht den Anschluss verlieren. Wie funktioniert das im Alltag? Typischerweise gibt es regelmäßige Screenings in Sprache und Mathematik. Kanada macht das beispielsweise sehr systematisch. Anschließend werden Kinder zeitweise in flexiblen Fördergruppen unterstützt, damit sie wieder Anschluss an den Klassenverband finden. Warum ist diese frühe Förderung so entscheidend? Man kann sich Bildung wie eine Leiter vorstellen. Wenn mehrere Sprossen fehlen, kann man nicht mehr weiter nach oben klettern. In Sprache und Mathematik baut vieles aufeinander auf. Deshalb muss man immer wieder prüfen: Kann ein Kind diesen Schritt schon oder noch nicht? Und wenn es ihn noch nicht kann, muss gezielt gefördert werden. Das klingt in der Theorie überzeugend, in der Praxis gibt es 16 verschiedene Kultusministerien. Ist der Bildungsföderalismus angesichts der Pisa-Ergebnisse endgültig gescheitert? Nein, der Bildungsföderalismus ist nicht per se das Problem. Bund und Länder haben zuletzt bereits gemeinsam Entscheidungen getroffen. Unter anderem sollen die Kitas mehr Ressourcen für Bildung bekommen, auch die Sprachstandsdiagnostik für Vierjährige zwischen den Bundesländern soll vergleichbarer werden. Aber 16 Bundesländer machen weiterhin 16-mal Bildungspolitik. Ist das wirklich nicht Teil des Problems? Nicht zwangsläufig. Unter den Pisa-Spitzenreitern befinden sich mehrere föderal organisierte Staaten. Kanada hat nicht einmal ein Bundesbildungsministerium, dort sind ausschließlich die Provinzen zuständig. Die Schweiz hat 26 Kantone und erzielt trotzdem mittlerweile deutlich bessere Pisa-Ergebnisse als Deutschland. Was fehlt Deutschland dann? Eine ambitionierte Bildungspolitik, die sich klare Ziele setzt, diese über Jahre konsequent verfolgt und die Ressourcen entsprechend verteilt. Auch die Türkei und Polen haben in den vergangenen Jahren eine sehr ambitionierte Bildungspolitik verfolgt und sich deutlich verbessert. Deutschland hat ohnehin immer weniger junge Menschen und gleichzeitig einen wachsenden Fachkräftemangel. Zugleich sinken die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Was bedeutet das für Deutschlands Volkswirtschaft ? Bildung ist der Schlüssel zu wirtschaftlichem Wohlstand. Zunächst einmal ist es gut, dass wir diese jungen Menschen haben. Sie sind unsere entscheidende Ressource – gerade weil wir keine großen Bodenschätze haben. Aber genau diese Ressource wird schlechter ausgebildet. Deshalb geht es jetzt darum, Bildung zu priorisieren und alle Kräfte zu bündeln, damit wir die jungen Menschen, die wir haben, bestmöglich für die Zukunft ausbilden und kein Kind verlieren. Mit genau diesem Ethos haben auch Länder wie Estland und Finnland den Turnaround geschafft. Das können wir ebenfalls schaffen. Letztlich ist es eine Frage des politischen Willens. Bildungspolitik müsste also einen ganz anderen Stellenwert bekommen? Ja. Die Regierungschefs der Bundesländer müssten Bildung zur Chefsache machen. Nur so bekommt es die notwendige Aufmerksamkeit. Wir haben derzeit auch keine Partei, die sich ausdrücklich als Bildungspartei versteht. Das finde ich schade. Das Thema wird politisch noch viel zu wenig besetzt. Wenn Sie Bildungsministerin wären und nur drei Reformen durchsetzen dürften, um Deutschlands Schulen wieder nach vorn zu bringen: Welche wären das? Erstens eine flächendeckende und verbindliche Vorschulbildung mit Bildungsplan und Diagnostik. Zweitens eine systematische Nutzung von Daten und eine gezielte Förderung der Basiskompetenzen von der ersten bis zur zehnten Klasse. Und drittens würde ich stärker auf integrierte Schularten setzen, die mit modernen Konzepten arbeiten und sich an den international besten Schulen orientieren. Frau Sliwka, vielen Dank für das Interview.

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