ARD-Serie "Babylon Berlin" macht "blödsinnigen Fehler": Autor übt Kritik
"Babylon Berlin" ist Geschichte: Die finale Staffel der Erfolgsserie endet mit offenen Fragen zur historischen Glaubwürdigkeit. Experte Uwe Wittstock übt Kritik. Die fünfte Staffel von "Babylon Berlin" spielt im historischen Schicksalsjahr 1933. Adolf Hitler wird Reichskanzler, die SA jagt eine Gruppe, die die geheime Krankenakte des "Führers" ans Licht bringen will, und am Ende brennt der Reichstag. Dass die Serienmacher um Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten für die ARD-Produktion in die eine oder andere Trickkiste gegriffen haben, wird spätestens beim Blick auf Hitlers Krankengeschichte klar. Der Autor der Buchvorlage, Volker Kutscher, kritisierte die finale "Babylon Berlin"-Staffel bereits dafür. Er empfinde es als "unredlich, weil die Staffel einige Dinge als historische Tatsachen behauptet, die mindestens umstritten sind", sagte er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ). Sieht Experte Uwe Wittstock das genauso? t-online: Herr Wittstock, Sie haben sich für Ihr Buch "Februar 33" intensiv mit genau jenem Zeitraum beschäftigt, in dem die letzte Staffel von "Babylon Berlin" spielt. Wie gut trifft die Produktion den historischen Kern? Uwe Wittstock: Ich glaube nicht, dass die Macher der Serie die historischen Ereignisse exakt nachzeichnen wollten. Sie haben sich weit von dem tatsächlichen Geschehen entfernt. Das ist nicht unbedingt falsch, bitte verstehen Sie mich richtig. Die fünf Staffeln von "Berlin Babylon" haben bei einer riesigen Zahl von Zuschauern ein großes Interesse an den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren wachgerufen. Das ist verdienstvoll. Es waren die entscheidenden Jahre der ersten deutschen Demokratie. Die Serie zeigt, wie modern, wie aufregend, aber auch wie abgründig diese Zeitspanne war, insbesondere in Berlin . Damit hat sie viel für das Geschichtsbewusstsein in Deutschland geleistet. Die finale Staffel erzählt nicht nur historische Ereignisse, sondern versucht, das Lebensgefühl dieser Wochen einzufangen. Erkennen Sie darin das Berlin wieder, das Ihnen bei der Arbeit mit Tagebüchern, Briefen und anderen zeitgenössischen Quellen begegnet ist? In manchen Punkten ist diese abschließende Staffel erstaunlich schwach. Das beginnt bei ganz banalen Dingen: Es war Winter in Berlin, in der ganzen Stadt lag Schnee. Es wurde spät hell und früh dunkel. Am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübergabe an Hitler, herrschte klirrende Kälte. Abends, bei dem bekannten Fackelzug der SA und SS zu Ehren Hitlers und Hindenburgs, wurden minus 10 Grad erreicht. Davon hat sich mir als Zuschauer in den Filmen nichts mitgeteilt. Kaum ein Darsteller friert, keine Atemwolken vor den Mündern, nirgendwo Glatteis. Für die Atmosphäre sind solche Details extrem wichtig. Also ist den Machern wenig bis gar nichts gelungen? Gefallen hat mir, wie schockiert die Angestellten im Rundfunk und bei der Polizei waren, als ihnen plötzlich Nazis als Mitarbeiter oder Vorgesetzte präsentiert wurden. Das deckt sich mit den Tagebüchern oder Briefen aus dieser Zeit. Viele begriffen mit einem Mal, wie schutzlos sie in ihrem persönlichen Leben den Leuten Hitlers ausgeliefert waren. Die Staffel zeigt, wie sich innerhalb weniger Wochen der Alltag verändert: Gegner der Nationalsozialisten verschwinden, die SA gewinnt an Macht, staatliche Institutionen werden zunehmend von Nationalsozialisten beherrscht. Geschah dieser Wandel tatsächlich mit einer Geschwindigkeit, wie ihn die Serie vermittelt? In dieser Hinsicht ist die Staffel korrekt. Zwischen Hitlers Machtübernahme am 30. Januar und dem Reichstagsbrand am 27. Februar lagen nur 28 Tage, ganze vier Wochen. Am Morgen nach dem Brand trat die "Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat" in Kraft, die fast alle Grundrechte abschaffte. Von nun an war jede und jeder in den Grenzen Deutschlands der Willkür der Regierung ausgeliefert. Alle konnten beliebig lange ins Gefängnis gesteckt werden. Der Rechtsstaat war Geschichte, die absolute Diktatur war da. Ein zentraler Handlungsstrang dreht sich um den Psychiater Edmund Forster und eine angebliche Krankenakte Adolf Hitlers aus dem Jahr 1918. Wie viel historische Wahrheit steckt in dieser Geschichte – und wo beginnt die Fiktion? Das hat mit historischer Wahrheit nichts zu tun. Hier macht der Film meines Erachtens einen blödsinnigen Fehler. Hitler hat seine vorübergehende Blindheit in "Mein Kampf" selbst erwähnt. Das war kein Geheimnis. Es wird im Film nie plausibel, was die Krankenakte sonst noch über Hitler verraten könnte. Außerdem: Nach dem 30. Januar war Hitler bereits an der Macht und es gab keinen Widerstand mehr, keinen Skandal, keine Krankenakte, die ihm diese Macht wieder hätte entreißen können. Ich hatte den Eindruck, die Jagd auf die Akte diente im Film nur dazu, die Mordserie an den ehemaligen Mitpatienten Hitlers zu motivieren, weil Serienmorde im Film zurzeit in Mode sind. Besonders weit geht die Serie beim Reichstagsbrand: Marinus van der Lubbe erhält einen SA-Ausweis, mit dem er in das Gebäude gelangen kann. Die Frage nach Täterschaft und möglichen Mitwissern beschäftigt Historiker seit Jahrzehnten. Was ist historisch gesichert? Die Hintergründe des Brands sind bis heute nicht vollständig geklärt. Der Niederländer van der Lubbe ist im brennenden Reichstag festgenommen worden, er war verwirrt und stammelte "Protest, Protest!" Es gibt allerdings Zweifel, ob es ihm allein gelingen konnte, in der kurzer Zeit, die er hatte, die vielen Brandherde zu legen. 1955 hat ein ehemaliger SA-Mann eidesstattlich behauptet, er habe van der Lubbe mit zwei Kameraden zum Reichstag gefahren, der zu diesem Zeitpunkt schon gebrannt habe. Es existierte ein unterirdischer Rohrleitungsgang, der vom Palais des Reichstagspräsidenten Hermann Göring zum Reichstag führte. Es war also vielleicht möglich, von dort ungesehen ins Reichstagsgebäude zu kommen. Es gibt den Verdacht, dass die Nazis den Brand gelegt haben. Wenn der Film das als Tatsache hinstellt, ist das falsch. Clemens Schick: Wie kann man als Sozialdemokrat Hitler spielen? Furioses Finale: Vier Streaming-Tipps für "Babylon Berlin"-Fans Ein Walzer mit Wucht: So endet "Babylon Berlin" Genau an solchen Stellen stellt sich eine grundsätzlichere Frage: Eine Serie darf erfinden – gleichzeitig dürften Millionen Zuschauer ihr Bild vom Jahr 1933 auch aus "Babylon Berlin" beziehen. Wo endet für Sie legitime dramaturgische Freiheit und wo beginnt eine problematische Verfälschung von Geschichte? Das ist keine einfache Frage. Ich glaube, hier spielt die zeitliche Distanz zu den historischen Ereignissen eine Rolle. Allgemein gesprochen ist es ein beliebtes und kaum kritisiertes Verfahren, wenn Autoren historische Figuren und Ereignisse schildern, ohne sich allzu sehr um die Fakten zu kümmern. Shakespeares "Julius Cäsar", Goethes "Egmont" oder Schillers "Maria Stuart" sind großartige Dramen, stimmen aber keineswegs mit allen historischen Realitäten überein. Die Autoren machen die Figuren zu ihren Figuren und erzählen mit ihnen bedeutende Geschichten. Zugespitzt formuliert: Sie verfälschen. Aber aus den Verfälschungen entsteht eine Geschichte, die eine eigene literarische Wahrheit erzählt. Eine Wahrheit, die bei den Meistern der Literatur über die bloßen historischen Fakten hinausreicht. Aber wo endet diese literarische Freiheit im Umgang mit den Fakten? Je näher die geschilderten historischen Ereignisse an unsere Gegenwart heranrücken, desto kritischer betrachten wir die Filme oder Bücher, die von diesen Ereignissen erzählen. Wer ein Attentatsversuch auf Hitler am Tag des Reichstagsbrands erfindet – so wie das die finale Staffel tut –, muss eine tatsächlich meisterhafte Geschichte erzählen, damit deren besondere literarische Wahrheit eine solche Verfälschung der Fakten rechtfertigt. Davon war in dieser Serie nichts zu merken. Der versuchte Anschlag dient allein dazu, in der letzten Folge zusätzliche Spannung zu erzeugen. Das ist unter dramaturgischen Gesichtspunkten verständlich, aber letztlich nur ein superbilliger Trick der Macher des Films. Ein echtes Armutszeugnis. Sie sagen in "Babylon Berlin – Die Doku", wenn erst einmal ein Antidemokrat an der Regierung sei, zähle es nicht mehr nach Monaten oder Wochen, sondern nach Tagen, bis eine Demokratie zerstört sein könne. Was waren 1933 die entscheidenden Mechanismen, durch die dieser Prozess derart schnell möglich wurde? Da kommen viele Punkte zusammen. Wichtig war sicher die radikale Entschlossenheit, mit der die Nazis handelten. Zweitens: Die Unterstützung der Nazis durch die Großindustriellen hat ihnen, wie im Film angedeutet, entscheidend geholfen. Drittens: Es gab zu wenige Verteidiger der Weimarer Demokratie. Auch die KPD, die im Film als mögliche Retterin der Demokratie dargestellt wird, wollte eine Diktatur errichten, die Diktatur des Proletariats. Zusammen mit der NSDAP hatten die Demokratiefeinde also im Parlament 50 Prozent der Stimmen. Das ist noch schlimmer als heute in Sachsen-Anhalt. Viertens: Die Justiz, die die Rechtsbrüche der Nazis (Schießbefehl, SA als Hilfspolizei, Einschränkung der Presse und Versammlungsfreiheit) gleich nach Hitlers Machtübernahme hätte zurückweisen müssen, war zu langsam und zum großen Teil auf Hitlers Seite. Fünftens: Das wirtschaftliche Elend im Land. Sechstens: Die bürgerkriegsähnlichen Zustände seit der Weltwirtschaftskrise 1929. Siebtens: Der Antisemitismus in Deutschland. Und, und, und. Der Blick auf Weimar und das Jahr 1933 wird heute häufig mit Warnungen vor aktuellen politischen Entwicklungen verbunden. Welche Parallelen zu unserer Gegenwart halten Sie für historisch belastbar – und bei welchen Vergleichen mit 1933 wird es aus Ihrer Sicht irreführend? Der Faschismus hat sich zwischen 1922 und 1938 über fast ganz Europa verbreitet. Heute feiern die Rechtspopulisten nicht nur in Europa, sondern auch in Argentinien, Indien und den USA große Erfolge. Das ist erschreckend. In Polen , Ungarn und Brasilien wurden die Rechtspopulisten wieder abgewählt. Das ist ermutigend. Sie haben es nicht geschafft, die Demokratien dieser Länder zu zerstören. Es gibt bislang nirgendwo eine faschistische Miliz wie die SA, das ist ein Unterschied zu 1933. Doch der Antisemitismus ist wieder im Vormarsch, das ist eine Parallele zu 1933. Überhaupt: Der Hass auf Migranten, der zurzeit fast weltweit zu spüren ist, scheint mir den Boden zu bereiten für ein neues Klima der Unmenschlichkeit. Viele, die diesen Hass heute pflegen, ahnen nicht, wie schnell sie selbst dieser Unmenschlichkeit zum Opfer fallen können. Wenn Zuschauer nach dem Ende von "Babylon Berlin" glauben, etwas über den Untergang der Weimarer Republik verstanden zu haben: Welche Erkenntnis sollte aus Ihrer Sicht unbedingt hängen bleiben? Wählen Sie demokratische Parteien, keine Populisten. Treten Sie in eine demokratische Partei ein. Arbeiten Sie in der Partei mit, bringen Sie ihre Meinung dort zur Geltung. Die Weimarer Demokratie hatte zu wenige aktive Verteidiger. Wir brauchen heute mehr davon. Vielen Dank für das Interview, Herr Wittstock.