Äthiopien gegen Eritrea: In der Wüste droht Krieg
Äthiopische Truppen stehen an der Grenze zum Nachbarland Eritrea. Dessen Regierung spricht von einer Kriegserklärung. Es droht ein brutaler Konflikt. Seit dieser Woche ist die Angst vor einem neuen Krieg im Osten Afrikas deutlich größer geworden. Am Dienstag meldete die Nachrichtenagentur Reuters, dass Truppen der äthiopischen Streitkräfte Positionen in der Stadt Zalambessa bezogen hätten. Diese liegt direkt an der Grenze zum Nachbarstaat Eritrea . Eine offizielle Bestätigung aus der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba gibt es nicht. In der vergangenen Woche stand Zalambessa bereits im Fokus von Konfliktbeobachtern: Es kursierten inoffizielle Meldungen, eritreische Soldaten seien in die Stadt eingedrungen, um die Rebellen der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) zu unterstützen, die von der äthiopischen Regierung bekämpft werden. Foto- und Videomaterial in den sozialen Medien stützen die Behauptung, auch wenn Eritrea jeden Grenzübertritt bestreitet. Bürgerkrieg eskaliert: Hunderttausende Tode im Land des Friedensnobelpreisträgers 20 Drohnen für eine Anlage: Brisante Berechnungen aufgetaucht Damit stehen sich in den Bergen zwischen Äthiopien und Eritrea zwei Armeen gegenüber, die bereits zwischen 1998 und 2000 Krieg gegeneinander geführt hatten. Nun könnte der alte Konflikt wieder aufflammen. Äthiopien teilte dem UN-Sicherheitsrat mit, es habe Truppen in den Norden des Landes verlegt, um die territoriale Integrität des Landes sicherzustellen. Von einer Stationierung direkt an der Grenze zum Nachbarstaat ist allerdings keine Rede. Eritrea wertet den Zusammenzug von Truppen als "Erklärung eines Angriffskrieges", wie es in einer Mitteilung des Informationsministeriums vom Sonntag heißt. Am Dienstag kam es zu einer Sitzung des Sicherheitsrats hinter verschlossenen Türen, die Ergebnisse sind noch nicht bekannt. Ein Krieg, der nie richtig endete Die jüngste Eskalation begann am 20. September. Die TPLF und sechs weitere bewaffnete Gruppen riefen eine "Allianz für das Überleben" aus. Ihr Ziel: Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed zu stürzen. Drei Tage später besetzten TPLF-Kämpfer die strategisch wichtigen Flughäfen von Mekelle, Axum und Shire in der äthiopischen Region Tigray. Die Regierung reagierte mit Drohnenangriffen und einer Gegenoffensive. Am 3. Oktober rückten Bundestruppen und die regierungstreue Miliz Tigray Peace Force ohne Gegenwehr in die Regionalhauptstadt Mekelle ein. Berichten zufolge nahmen sie danach auch die Städte Adigrat und Adwa ein. Laut dem Nachrichtenportal "The New Humanitarian" setzt die TPLF nun auf eine bewegliche Kriegsführung, weitere Rebellengruppierungen melden unterdessen Gewinne in der Region Amhara. Bereits von 2020 bis 2022 führte die äthiopische Regierung Krieg gegen die TPLF. 600.000 Menschen starben laut Angaben der Vereinten Nationen in diesen zwei Jahren, viele von ihnen Zivilisten. In Äthiopien leben demnach weiterhin mindestens 1,9 Millionen Binnenvertriebene, das UNHCR schreibt in einer Mitteilung aus diesem Jahr, dass etwa 3,9 Millionen Menschen dringend humanitäre Hilfe benötigen. Aus Verbündeten wurden Feinde Dass Äthiopien und Eritrea heute auf verschiedenen Seiten stehen, markiert eine Kehrtwende. 2018 schloss Abiy Frieden mit Eritreas Präsident Isaias Afwerki und erhielt dafür den Friedensnobelpreis. Im Tigray-Krieg von 2020 bis 2022 kämpften eritreische Truppen noch an der Seite der äthiopischen Armee gegen die TPLF, die in Teilen Äthiopiens seit mehr als 30 Jahren die vorherrschende Kraft ist. Die TPLF entstand 1975 in Tigray als Guerillabewegung gegen das Militärregime des Derg, das Äthiopien von 1974 bis 1991 regierte. 1991 stürzte sie das Regime gemeinsam mit Verbündeten und kontrollierte danach in einem Parteienbündnis 27 Jahre lang Staat und Wirtschaft Äthiopiens, wie die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) schreibt. Mit dem Amtsantritt Abiy Ahmeds 2018 verlor die TPLF ihre Macht in Addis Abeba und zog sich in die nordäthiopische Region Tigray zurück. Den Spannungen liegt eine ältere Rivalität zugrunde: Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts konkurrieren Eliten aus Tigray und Amhara um die Vorherrschaft im Land. Hinzu kommt ein Streit über die Staatsordnung. Laut Gerrit Kurz von der SWP will Abiy den von der TPLF geprägten ethnischen Föderalismus zugunsten eines stärker zentralisierten Staates überwinden. Im November 2020 eskalierte der Konflikt zum Krieg. Das Abkommen von Pretoria beendete den Krieg im November 2022 – ohne Eritrea. Dessen Regierung hatte laut der belgischen Denkfabrik International Crisis Group auf die völlige Zerschlagung der TPLF gedrängt und sah seine Interessen übergangen. Zentrale Fragen blieben offen: der Status umstrittener Gebiete im Westen Tigrays, die Rückkehr der Vertriebenen, die Entwaffnung der tigrayischen Kämpfer. Die Verantwortung für den Stillstand sieht Gerrit Kurtz von der SWP bei beiden Seiten, der Regierung wie der TPLF. Schon im Juli warnte er in einem Artikel auf der Webseite der Stiftung: "Fehlkalkulationen könnten sogar zu einem erneuten großflächigen Krieg führen." Zugleich näherten sich die TPLF und Eritrea an, Kurtz deutet dies als taktisches Zweckbündnis. Addis Abeba wirft Eritrea, Ägypten und dem Sudan vor, die Rebellen zu unterstützen. Alle drei bestreiten das. Im Zentrum des Streits zwischen den beiden Staaten steht das Meer. Äthiopien ist mit rund 135 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Binnenstaat der Welt. In verschiedenen Grenzkonflikten verschob sich die Grenze des Landes seit der Kolonialzeit. Direkten Zugang zum Meer erhielt Äthiopien erst nach dem Zweiten Weltkrieg : Auf Beschluss der UN wurde Eritrea 1952 mit Äthiopien föderiert, 1962 annektierte Kaiser Haile Selassie das Gebiet. Im folgenden Unabhängigkeitskrieg kämpften eritreische Rebellen zeitweise gemeinsam mit der TPLF gegen das äthiopische Militärregime. 1993 stimmte Eritrea für die Unabhängigkeit, anerkannt von einer TPLF-dominierten Übergangsregierung in Addis Abeba. Seit 2023 beansprucht Abiy offen einen Meereszugang und nennt das Rote Meer die "natürliche Grenze" Äthiopiens. Zugang zum Meer bedeutet wirtschaftliche Freiheit Der Streit berührt eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Durch das Rote Meer und den Suezkanal laufen Schätzungen zufolge im Normalbetrieb rund zwölf Prozent des Welthandels. Weil die Straße von Hormus blockiert ist, hat das Rote Meer zusätzlich an Bedeutung gewonnen, vor allem für Saudi-Arabiens Ölexporte. Entsprechend groß ist das Interesse der Regionalmächte. Ägypten, Eritrea, Sudan und Somalia erklärten am 4. Oktober, für das Rote Meer seien allein die Anrainerstaaten zuständig. Äthiopiens Regierungschef Abiy bekräftigte tags darauf bei seiner Vereidigung für eine weitere Amtszeit die Forderung nach einem Meereszugang. Die Vereinigten Arabischen Emirate gelten als enger Partner Äthiopiens, Saudi-Arabien will laut Crisis Group eine neue Front am Roten Meer verhindern. Kommt es zum Krieg? Drei Szenarien für die Zukunft Ob es wirklich zum offenen Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien kommt, ist noch unklar. Drei Szenarien erscheinen auf Basis der Analysen von Beobachtern und Thinktanks derzeit am wahrscheinlichsten. Ein Stellvertreterkrieg bricht aus. Eritrea stoppt den Vorstoß seiner Truppen, versorgt TPLF und andere Rebellengruppen aber weiter. Addis Abeba unterstützt im Gegenzug Gruppen, die gegen Eritrea kämpfen, und versucht, die Opposition im eigenen Land zu spalten. Die Folge wären mehr bewaffnete Gruppen, mehr zivile Opfer und kaum Aussicht auf eine politische Lösung. Die Rebellenallianz gilt ohnehin als brüchig: Laut dem US-Thinktank Chatham House lehnen führende Fano-Vertreter sie ab, einige Mitglieder haben sich jahrelang bekämpft. Auch in Tigray hat die TPLF Rückhalt verloren, der Thinktank berichtet von Zwangsrekrutierungen. Es kommt zum Abnutzungskrieg zwischen TPLF und der Regierung in Addis Abeba, nicht aber zu einer offiziellen Kriegserklärung durch einen der beiden Staaten. Die Rebellen hoffen auf einen Siegeszug wie 1997 in Zaire, als ein von Nachbarstaaten unterstütztes Bündnis Machthaber Mobutu stürzte. Diese Option gilt als eher unrealistisch, weil die Vereinigten Arabischen Emirate die Regierung in Addis Abeba mit militärischem Gerät und Beratern unterstützen. Wahrscheinlicher ist es, dass sich die Aufständischen im Hochland des Nordens festsetzen. Daraus würde sich ein Stellungskrieg entwickeln, der die Wirtschaft weiter schwächt und mehr Menschen vertreibt. Offener Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea. "The New Humanitarian" geht davon aus, dass schon kleinere Zwischenfälle zum Kriegsausbruch zwischen den beiden Staaten führen könnten. Äthiopische Regierungsvertreter beteuern zwar, keinen Krieg auf eritreischem Gebiet führen zu wollen. Doch schon ein Luftkrieg mit Drohnen, in dem Äthiopien überlegen wäre, könnte verheerende Folgen haben. Ein Analyst des Konfliktbeobachters ACLED sieht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass äthiopische Truppen über die Grenze Richtung Asmara und Assab vorrücken könnten. Krieg ist für Äthiopien heikel Für Addis Abeba wäre ein solcher Krieg riskant, schreibt Experte Kurtz. Eritrea sei seit Jahrzehnten stark militarisiert, selbst Oppositionelle würden eher für das Regime kämpfen, als eine äthiopische Besatzung hinzunehmen. Zudem stünde ein Programm des Internationalen Währungsfonds für Äthiopien auf dem Spiel, das 2024 anlief und den Staat mit 3,4 Milliarden US-Dollar dabei unterstützen soll, seine Wirtschaft zu modernisieren. Und der Krieg könnte sich ausweiten: Ägypten und die sudanesische Armee könnten laut Crisis Group Eritrea beistehen, die Emirate Äthiopien. Die Crisis Group fordert Regierungen von Washington bis Abu Dhabi auf, beide Seiten zur Zurückhaltung zu drängen. Kurtz rät Deutschland und der EU, ihren Einfluss bei Weltbank und IWF zu nutzen: Addis Abeba müsse klar sein, dass ein großer Krieg diese Programme gefährde.