Tempo 20 auf Radwegen: Deutsches Nachbarland macht den Test
Weil die Unfallzahlen steigen, testen die Niederlande Tempo 20 auf Radwegen. Vor allem eine Gruppe bereitet den Verkehrsforschern Sorgen: Senioren auf E-Bikes. Die Mitteilung ist nur wenige Zeilen lang, aber sie hat es in sich. "Wir werden auf einem Abschnitt des Radwegs entlang der Amstelveenseweg einen Versuch mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern durchführen", teilte die Stadt Amsterdam knapp mit und setzte ein Zeichen. In einem Testversuch gilt dort nun bis Mitte November Tempo 20 auf Radwegen. Ausdehnung aufs ganze Land nicht ausgeschlossen. Die niederländische Regierung will mit dem Tempolimit die Unfallzahlen senken. Denn diese sind dramatisch. Laut Statistikamt CPB starben im Jahr 2025 in den Niederlanden 759 Menschen im Straßenverkehr . Der größte Teil der tödlichen Unfälle ereignete sich mit dem Fahrrad: 2025 kamen 281 Radler ums Leben, das sind zwölf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Vor allem zwei Dinge fielen in der amtlichen Statistik auf: E-Bikes waren an 41 Prozent der tödlichen Unfälle beteiligt; die größte Zahl der Todesopfer auf dem Rad waren Männer über 70. Die Regierung in Den Haag schrieb deshalb Verkehrsversuche aus, um die Zahl zu verringern. Nun macht Amsterdam ernst. Haager Strafgerichtshof: Trump verhängt Sanktionen, Niederlande zittern Liberale Überraschung: Rob Jetten entzauberte Geert Wilders Schon jetzt gilt in Amsterdam in einzelnen Parks ein Verbot für sogenannte Fatbikes. Die E-Bikes mit den besonders breiten Reifen – gern auch frisiert – sind vor allem bei Jugendlichen beliebt. Um sie auszubremsen, verhängte die Stadt einzelne Fahrverbotszonen. Nun folgt der Test mit Tempo 20 für alle Radler. Wohlwissend, dass sich die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Radwegen nur schwer kontrollieren lässt. "Radler, die schneller fahren als zwanzig Kilometer pro Stunde, erhalten keine Buße", so Amsterdams Verkehrsdezernentin Elise Moeskops von der linksliberalen Partei D66. Eine Stadt hat den Test schon gemacht Moeskops steht beim Versuch mit dem Tempolimit im engen Kontakt mit Wouter van den Berg. Er ist Verkehrsdezernent der kleinen Stadt Houten nahe Utrecht. Zweimal war die Kommune bereits "Fahrradstadt des Jahres" in den Niederlanden. Ehrensache, dass sich auch Houten an der Ausschreibung der Regierung in Den Haag fürs Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Radwegen beteiligte. Im Sommer galt auf der Fossa Iberica, einem Radweg mit einer vielbefahrenen Kreuzung, Tempo 20. "Uns ging es vornehmlich um eine erste Erfahrung“, erläutert Verkehrsdezernent van den Berg. In Houten gehen sie ihren eigenen Weg. Die Stadt zählt eine Bevölkerung von rund 50.000 Menschen. Und ein besonderes Verkehrskonzept. Der Autoverkehr wird in einem Ring um die Innenstadt herumgeführt. Von dort zweigt stets nur eine Straße ab in die einzelnen Wohnviertel. "Wer hier einbiegt, fährt über dieselbe Straße auch wieder raus aus dem Kiez", erklärt van den Berg. "Das heißt, wir haben quasi keinen Durchgangsverkehr mit dem Auto. In Houten ist das Rad König." Sein Fazit: "Unser Verkehrskonzept ist auch eine Einladung an Stadtplaner in anderen Städten." Noch laufen die statistischen Auswertungen der wissenschaftlichen Begleitstudie. Aber van den Berg und sein Kollege Arjen de Boer können auf Nachfrage im Zoom-Gespräch schon über erste Erfahrungen berichten. "Es gab drei Gruppen", erklärt Dezernent van den Berg und sagt: "In der Verwaltung fanden sie den Verkehrsversuch von Anfang an spannend. Unter den Radlern gab es eine kleine Gruppe, die eher skeptisch war, weil sich das Tempolimit auf dem Rad nur schwer kontrollieren lässt. Die größte Gruppe aber war aufgeschlossen, weil es darum ging, die Verkehrssicherheit zu erhöhen." Sein Kollege de Boer ergänzt: "Die positive Reaktion der Bevölkerung hat uns schon überrascht." Regierung will über Konsequenzen beraten Für das Auto gilt in Houten Tempo 30. "Mit dem Rad ist man hier immer schneller", sagt Arjen de Boer. Die Frage ist aber zu schnell? "Uns ging es weder um Bußgelder, noch dogmatisch um Tempo 20. Unser Thema ist Verkehrssicherheit an neuralgischen Punkten", so der Verkehrsexperte. Und so rückte mit dem Tempo-Test noch eine Gruppe in den Fokus: der Fußgängerverkehr. "Das ist eine Gruppe, die häufig unterschlagen wird", so de Boer. Weniger Tempo auf dem Rad bedeutet für Fußgänger mehr Sicherheit. Die niederländische Regierung will nach einer wissenschaftlichen Auswertung des Tempolimits über weitere Maßnahmen beraten. In Houten zieht Verkehrsdezernent Wouter van den Berg schon mal eine erste Bilanz: "Der Pilotversuch erhielt enorm viel Aufmerksamkeit. Das schärft auch das Bewusstsein für das Thema Verkehrssicherheit. Allein deshalb war der Test ein Gewinn." So geht's beim Tempolimit weniger um Freiheit als vor allem um eines: Sicherheit. Bis Mitte November auch in Amsterdam.