TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 22.05.2016, Leitartikel von Mario Zenhäusern: "Spannung ist garantiert"

Österreich wählt heute einen neuen Bundespräsidenten. Selten zuvor hat ein Urnengang die Gesellschaft so gespalten. Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer stehen nicht nur für inhaltlich gegensätzliche Parteien, sie verkörpern auch völlig konträre Weltanschauungen. Sich für einen von den beiden zu entscheiden, stellt viele der mehr als sechs Millionen wahlberechtigten Österreicherinnen und Österreicher über 16 Jahre vor eine Gewissensfrage. Vor allem die Anhänger der beiden Regierungsparteien können wohl erstmals nicht Rot oder Schwarz wählen. Auch die Anhänger von Irmgard Griss und Richard Lugner müssen sich wohl oder übel umorientieren.

Genau das aber macht die Sache so spannend: Weil insgesamt weit mehr als zwei Millionen Stimmen „auf dem Markt“ sind, ist praktisch jeder Wahlausgang möglich. Deshalb gilt: Hingehen und wählen ist Pflicht, weiß oder ungültig wählen stellt keine Entscheidung und deshalb auch keine Alternative dar. Wer seine Stimme nicht abgibt, braucht nach der Wahl nicht zu jammern, wenn der „falsche“ Kandidat in die Hofburg einzieht. Oder wenn der Sieger nur noch von einer Minderheit gewählt wird, weil die Mehrheit von ihrem demokratischen Stimmrecht keinen Gebrauch gemacht hat.

Wer auch immer das Rennen macht: Nach diesem Sonntag wird in Österreich eine neue Zeit anbrechen, erstmals kein Vertreter von ÖVP oder SPÖ den Staat nach außen repräsentieren und nach innen – im besten Sinne – als Mahner und Aufsichtsorgan agieren. Allein diese Tatsache ist Garant für einen spannenden Wahltag.

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