Kolumne: Gefühl der Woche: Wenn das eigene Hirn "Katastrophe!" meldet – dann hilft dies
Nach einer Kränkung oder einem Moment der Angst neigen wir dazu, uns immer schlimmere Katastrophen auszumalen. Unsere Autorin probiert, das Negativ-Grübeln zu stoppen.
Spätabendliches Krisengespräch mit einer Freundin. „Stell dir vor, jetzt hat er sich mit diesem Philipp getroffen, der ist Anwalt!“ Er, das ist ihr baldiger Ex‑Mann. Die beiden sind dabei, sich zu trennen, und müssen nun Wohnung, Kinder, Geld und Gefühle auseinanderdröseln. Meine Freundin erwartet nicht, dass das fair abläuft. „Wart’s ab, der schleift mich noch vor Gericht!“, da ist sie sich sicher.
Kurz darauf treffe ich einen Nachbarn auf der Straße. Wir kennen uns gut. Auf mein lockeres „Na, wie läuft’s?“ kneift er die Augen zusammen, als müsste er Tränen zurückhalten. „Alles Scheiße“, nuschelt er. Sein neuer Vorgesetzter habe es auf ihn abgesehen, auf einmal fühle er sich fremd in der Firma. „Erst ziehen sie mich von den besten Projekten ab. Dann werden sie behaupten, meine Performance sei unterdurchschnittlich. Und dann wird mein Vertrag nicht verlängert. Wetten?“
Das Gefühl der Woche: Katastrophe! Katastrophe! Katastrophe!
Erkennen Sie das Muster? Genau: Was die beiden da in Worte fassen, ist katastrophisierendes Denken. Wir kennen es alle, mehr oder weniger. Nach einer Kränkung, einem Erlebnis voller Angst oder sonst einem Unheil fängt der Kopf an, uns lauter Katastrophen auszumalen. Eine schlimmer als die nächste. Alle wirken total zwingend und äußerst realistisch. Überall Gefahren, Hindernisse, Feinde! Es scheint keine andere Richtung mehr zu geben als abwärts, abwärts, abwärts. Katastrophendenken ist Grübeln der schlimmsten Sorte.
Leider ist unser Gehirn genau darauf programmiert: Es schenkt möglichen Gefahren die meiste Aufmerksamkeit, um innerhalb von Sekunden zu entscheiden: kämpfen oder fliehen! Der Mechanismus war vor Urzeiten eine Frage des Überlebens. Psychologen nennen es kognitive Verzerrung, wenn wir einen dunkelgrauen Filter über die Wirklichkeit legen und sie negativer wahrnehmen, als sie tatsächlich ist.
Auch mein Hirn erklärt Katastrophisieren gern zum Lieblingssport. Da bringt eines der Kinder eine schlechte Deutscharbeit nach Hause, der Englischtest war auch mies, Französisch nur so lala. Schon dreht sich das fiese Gedankenkarussell: Der hat ein Sprachdefizit! Damit kommt man nicht durch die Mittelstufe. Nachhilfe wirkt da bestimmt wenig. Hat er eben doch eine Legasthenie?! Ach, und die Klassenlehrerin wirkte beim Elterngespräch so unbeteiligt, sicher hat sie den Kleinen schon abgeschrieben …
Man möchte sich an die eigene Stirn klopfen: Hallo, checkst du’s da drinnen? Das hier ist nicht wirklich gefährlich! Jetzt chill mal, wie das betreffende Kind sagen würde.
Leider kommen solche Botschaften der Vernunft nicht in den tieferen, für Emotionen zuständigen Abteilungen an. Mir scheint sogar, dass mein Hirn Spaß daran hat, sich sofort der nächsten nahenden Katastrophe zuzuwenden, sobald erstere sich als Fehlalarm entpuppt. Die Noten vom Knirps sind doch ganz befriedigend? Na, dann stürzen wir uns doch angstlüstern auf die Gesundheit meiner älter werdenden Eltern, die neue geldgierige Vermieterin, den Zustand meiner Ehe, den Zustand der Demokratie, das neue Wehrdienstgesetz, die Klimakrise … Unsere Zeit und unsere Welt sind ein Paradies für katastrophengeile Hirne.
Was also tun? Das eine gute Rezept gibt es nicht, leider. Wenn Katastrophendenken mit Depressionen oder Angstattacken verbunden ist – was oft der Fall ist –, hilft eine Verhaltenstherapie. Für uns „Normal-Gestörte“ (Psychologin Stefanie Stahl) ist Erkenntnis der erste Schritt. Wer es schafft, sich selbst beim Katastrophisieren zuzuschauen, hat schon viel erreicht.
Mir hilft es, Fragen zu stellen: Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass diese oder jene Katastrophe eintritt? Antwort: ziemlich unwahrscheinlich. Wie nützlich ist es gerade für meine Situation, in Angst zu baden? Total unnütz. Und was würde jemand zu mir sagen, der mich richtig gut kennt? Er würde mir hundert Beispiele aus meinem Leben aufzählen, die gut ausgegangen sind. Das beste Stoppschild für katastrophisierendes Denken ist eine Umleitung: Bitte jetzt abbiegen, zum guten Ausgang dann hier entlang.