Landgericht Bielefeld: Heim-Prozess: Arzt-Verteidiger fordert Prüfung der Vorwürfe
Ein kahles Zimmer ohne Möbel, Bewohner teils stundenlang fixiert: Im Heim-Prozess stellt der Verteidiger eines Psychiaters eine zentrale Frage zur Anklage: Was genau soll sein Mandant getan haben?
Im Prozess um den Vorwurf gewaltsamer Übergriffe in einem Heim für Menschen mit Behinderung in Ostwestfalen fordert der Anwalt eines angeklagten Psychiaters, die Vorwürfe gegen seinen Mandanten nochmals zu prüfen. In einigen Punkten fordert Uwe Freyschmidt die Einstellung des Verfahrens, in anderen die Abtrennung der Vorwürfe vom Prozess. Der Verteidiger wirft der Anklage vor, nicht erklären zu können, warum die Arbeit seines Mandanten als Mediziner zu den freiheitsentziehenden Maßnahmen geführt habe.
„Welche konkrete Handlung und welches Unterlassen wird ihm vorgeworfen?“, fragte Freyschmidt. Solange er dies nicht wisse, könne sich sein Mandant sich nicht verteidigen. Die Staatsanwaltschaft wies den Vorwurf zurück. Genau diese Frage müsse die Hauptverhandlung beantworten. Der Vorsitzende Richter Sven-Helge Kleine entschied am Donnerstag noch nicht über den Antrag. Die für diesen Prozesstag angekündigte Einlassung eines leitenden Mitarbeiters soll jetzt am 19. November folgen.
Angeklagt sind drei ehemalige leitende Mitarbeiter und ein Arzt, weil sie die Taten jahrelang angeordnet haben sollen. Die Staatsanwaltschaft wirft den 53 bis 73 Jahre alten Angeklagten unter anderem Freiheitsberaubung in fast 200 Fällen vor. Dabei geht es um eine Wohngruppe für verhaltensauffällige Menschen der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen. Im Zentrum der Anklage steht ein sogenannter Time-Out-Raum - ein kahles Zimmer völlig ohne Einrichtungsgegenstände. Fast täglich sollen dort Bewohner mit zum Teil extremen Aggressionspotenzial eingesperrt und teilweise über viele Stunden fixiert worden sein.