KI-Aktien stürzen ab: Warum der Ausverkauf schon viel früher begann
Zweifel am KI-Hype gab es schon länger. Nach den Wahlen sind sie stärker geworden. Ist das das Ende der Börsenparty – oder bloß eine Verschnaufpause? Die 100 wichtigsten Technologiewerte im Nasdaq 100 haben am gestrigen Donnerstag eine Talfahrt hingelegt: Während der Index selbst 5,6 Prozent an Wert verlor, stürzten einige Titel um 10 bis 15 Prozent ab – vor allem Unternehmen, die bislang als KI-Gewinner galten. Den Kurssturz allein auf den Wahlsieg der Demokraten bei den US-Zwischenwahlen zurückzuführen, greift jedoch zu kurz: Der Abverkauf der Tech-Werte begann schon einen Monat früher. Ist das jetzt der Anfang vom Ende des KI-Hypes an der Börse oder nur eine überfällige Zwischenkorrektur? Der Abverkauf begann längst vorher Drei Beispiele zeigen, dass die größten Verluste nicht an einem Tag entstanden sind: Marvell Technology verlor allein am gestrigen Handelstag 16,3 Prozent – auf Sicht von 30 Tagen steht die Aktie mit über 50 Prozent im Minus. Dell Technologies büßte am Donnerstag knapp 15 Prozent ein; binnen 30 Tagen summiert sich der Verlust auf rund 47 Prozent. Branchenprimus Nvidia verlor gestern knapp 10 Prozent und binnen 30 Tagen rund 25 Prozent. Der Ausverkauf von Technologieaktien – vor allem von KI-Spezialisten – begann also weit vor den US-Zwischenwahlen. Dass der gewachsene Einfluss der Demokraten künftig zu strengerer KI-Regulierung und einem gebremsten Ausbau von Rechenzentren führen könnte, erklärt nur einen Teil der Verluste. Wahrscheinlicher ist, dass das Wahlergebnis nur den finalen Anstoß lieferte. Dan Ives von der US-Investmentbank Wedbush kommt zu der Einschätzung: Ein Markt, der monatelang ungebremst nach oben sprintet, brauche irgendwann eine Atempause, um reale makroökonomische Risiken neu zu bewerten. Hinter der Korrektur stecken drei fundamentale Fehlannahmen, die die Börse nun schmerzhaft einpreist: Das Billionen-Grab: Tech-Konzerne investieren gewaltige Summen in KI-Infrastruktur, doch ob daraus entsprechende Gewinne entstehen, ist offen. Goldman-Sachs-Analyst Jim Covello sieht wachsende Zweifel: Microsoft , Alphabet, Amazon und Meta gaben im dritten Quartal zusammen mehr als 200 Milliarden Dollar aus – über 350 Prozent mehr als Anfang 2024. Der Weg zum profitablen Massenprodukt könnte länger und teurer werden als erwartet. Das Strom-Dilemma: KI braucht enorme Energiemengen. Laut dem Analyse-Team der britischen Großbank Barclays könnten die dauerhaft hohen Anforderungen der Infrastruktur Stromnetze überlasten und Klimaziele gefährden. Der Ausbau könnte daher nicht am Geld, sondern an den Grenzen der Netze scheitern. Die "Old Economy" bleibt: Die Erwartung, KI werde klassische Unternehmen und ganze Berufe rasch verdrängen, hat sich als überzogen erwiesen. KI kann Prozesse effizienter machen, doch ihre Einführung stockt in vielen etablierten Unternehmen wegen technischer Hürden und unreifer Modelle. Brötchen, Medikamente und Autos bleiben wirtschaftlich wichtig – und Investoren wenden sich wieder stärker klassischen Substanzwerten zu. Die Old Economy hält die Stellung Die Kursverluste des gestrigen Donnerstags zeigen nämlich ein klares Bild: Es handelt sich nicht um einen flächendeckenden Marktcrash, sondern um eine gezielte Flucht aus dem Technologiesektor – nach Ansicht von Alexander Giuliano vom Vermögensverwalter Resonate Wealth Partners eine gesunde, überfällige Zwischenkorrektur. Der Blick auf den deutschen Aktienmarkt bestätigt den Trend: Der Dax zeigte sich im Vergleich zur US-Technologiebörse bemerkenswert robust. Weil im deutschen Leitindex Schwergewichte der "Old Economy" wie Automobilhersteller, Chemiekonzerne und Industrieriesen den Ton angeben, gab es weniger zu verlieren. Flucht in den sicheren Hafen: Konsum und Dienstleistung Dass an den Märkten keine Panik herrscht, zeigt die klassische Branchenrotation: Das Kapital "stirbt" nicht, es wandert nur. Mark Haefele, Chief Investment Officer bei UBS Global Wealth Management, erklärt: Großanleger zögen ihre Gewinne aus dem Halbleiter- und KI-Sektor ab und schichteten sie in defensive Branchen um – sie zögen die relative Stabilität traditioneller Substanzwerte der spekulativen Natur von Tech-Werten vor. Während bei Marvell, Nvidia oder Dell die Verkaufsorders die Kurse abstürzen ließen, mussten Konsumgüterhersteller und klassische Dienstleister kaum Federn lassen. Hersteller von Lebensmitteln, Haushaltswaren und anderen Produkten des täglichen Bedarfs verbuchten sogar Kursgewinne – ebenso der Gesundheitssektor und Versorgungsbetriebe. Schnäppchen oder Warnsignal? Der Blick auf die Bewertungen Nach der rasanten Talfahrt werden an der Wall Street die Stimmen für eine fundamentale Gegenbewegung lauter. Viele Analysten geben zu bedenken, dass der Markt in seiner jüngsten Panik übers Ziel hinausgeschossen sein könnte und eine Überreaktion nach unten vollzogen hat – spiegelbildlich zur vorherigen Übertreibung nach oben. Ein Blick auf die Zahlen stützt diese These: Die Bewertungen einiger Kernunternehmen erreichen nach dem Abverkauf ein Niveau, das fundamental kaum noch zu rechtfertigen scheint. Drei Beispiele: Micron Technology notiert mit einem extrem günstigen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich – das zukunftsorientierte Forward-KGV für die prognostizierten Gewinne im Jahr 2027 drückt die Aktienbewertung auf ein Niveau, das historisch eher zu kriselnden Zyklikern als Hightech-Unternehmen passt. Nvidia , der Motor des KI-Booms, hat seine Bewertungsmultiplikatoren ebenfalls drastisch reduziert und notiert bei einem zukünftigen KGV, das angesichts des anhaltenden Wachstums und der starken Cashflows mit 12,7 überraschend moderat ausfällt. Dell Technologies zeigt mit einem verhältnismäßig niedrigen zukunftsorientierten Forward-KGV von 12,3 bei gleichzeitig robusten Cashflows, dass der Ausverkauf die fundamentalen Realitäten völlig aus den Augen verloren hat. Stacy Rasgon, Senior Analyst bei der US-Investmentboutique Bernstein Research, sieht im Kursrutsch sogar eine hervorragende Kaufgelegenheit: Die fundamentale Ertragskraft der Hardware-Marktführer rechtfertigt längst die stark komprimierten Bewertungen. Globaler Ausbau statt US-Zentrierung Ein weiteres Argument, das gegen den starken Abverkauf spricht, betrifft die Geografie: KI ist kein rein US-amerikanisches Phänomen. Zwar richtet sich der politische Fokus auf Washington , doch die technologische Umwälzung findet weltweit statt. Selbst wenn der Bau einzelner Rechenzentren in den USA durch bürokratische oder energetische Hürden ins Stocken geraten sollte, entstehen rund um den Globus – von Europa über Asien bis in den Nahen Osten – Tausende neue Datenknotenpunkte. Und sie alle benötigen die Hardware und Infrastruktur derselben Handvoll Marktführer. Das politische Patt als Stabilitätsgarant Auch das politische Schreckgespenst einer radikalen KI-Regulierung verliert bei genauerer Betrachtung seinen Schrecken. Trotz der neuen demokratischen Mehrheiten im Kongress sorgt die politische Konstellation mit dem Weißen Haus für eine faktische Blockade. Die fundamentale Stärke der Unternehmen, die globale Nachfrage und die politische Blockade in den USA deuten darauf hin, dass das Pendel an den Börsen derzeit nur von der Euphorie ins andere Extrem der Angst geschlagen ist. Das könnte eine klassische Überreaktion eines Marktes sein, der langfristige Megatrends kurzfristig oft falsch einpreist. Fazit: Zahlen zählen mehr als Erklärungen Der jüngste Tech-Ausverkauf führt Anlegerinnen und Anlegern vor allem eine alte Börsenweisheit vor Augen: Analysten begründen Kursbewegungen fast immer erst im Nachhinein. Steigen die Kurse, feiern alle die glänzende Zukunft; stürzen sie ab, blickt plötzlich jeder auf die zuvor ignorierten Risiken. Aus der Marktkorrektur lassen sich zwei wesentliche Erkenntnisse ableiten: Der Hype ist vorbei, die Technologie bleibt: Wer in der Hochphase der Euphorie eingestiegen ist, zahlt nun Lehrgeld für überhitzte Bewertungen. Doch die fundamentale Nachfrage nach Rechenleistung, globaler Netzwerkinfrastruktur und Halbleitern ist real – die Technologie verschwindet nicht, sie kehrt nur zu einem gesunden Bewertungsfundament zurück. Vorsicht vor dem Pendelschlag: Genau wie die Märkte vor Monaten nach oben übertrieben haben, neigen sie in der Korrektur zur Übertreibung nach unten. KGVs im niedrigen zweistelligen Bereich bei hochprofitablen Marktführern wie Nvidia, Micron oder Dell zeigen: Panik ist selten ein guter Ratgeber für rationale Preisfindung. Wer den langfristigen Megatrend der globalen Digitalisierung im Blick behält, lässt sich von den täglichen, oft politisch instrumentalisierten Kurskapriolen nicht beirren. Statt blind der Herde hinterherzulaufen – egal ob in Richtung Euphorie oder Panik –, zählt jetzt der Blick auf Unternehmenskennzahlen und globale Cashflows. Denn am Ende entscheidet an der Börse nicht die politische Deutung aus Washington, sondern die Profitabilität.