World News in German

Konkurrenz für Weidel? Siegmund ist in der Risikozone

Nie war ein AfD-Wahlkampf so professionell, nie ein AfD-Kandidat so beliebt wie derzeit in Sachsen-Anhalt. Siegmunds Aufstieg birgt potenziell Sprengstoff für die Parteispitze. Alice Weidel trägt weißen Blazer, weiße Bluse, weiße Perlenkette. Sie steht auf der Bühne im Magdeburger Kulturhaus und lobt Ulrich Siegmund . "Ich habe das Gefühl, dass du schon zwei Jahre Wahlkampf machst", sagt die AfD-Bundeschefin. "Ich habe so einen Wahlkampf noch nie gesehen." Das mache sie "unglaublich stolz". Es ist der Wahlkampfabschluss der AfD Sachsen-Anhalt in Magdeburg . Der letzte Abend vor der Wahl, die für die gesamte AfD so wichtig ist: Die absolute Mehrheit und damit eine Alleinregierung, die so schwierig zu erreichen ist – hier hat die AfD eine realistische Chance darauf. Die Bässe pumpen, das Konfetti regnet, Spitzenkandidat Siegmund strahlt. Doch ob sie es wirklich schaffen, da sind sie auch in der AfD unsicher. Die Redner auf der Bühne rufen Siegmund zwar einerseits bereits zum Ministerpräsidenten aus. Andererseits aber fordern sie ihre Zuschauer im Saal und vor den Livestreams eindringlich auf, noch rasch Nachbarn, Familie, Freunde für die Wahl zu aktivieren. Was, wenn es doch nichts wird mit der Alleinregierung? Diese Frage dürften sich auch Alice Weidel und Tino Chrupalla , die beiden AfD-Bundeschefs, stellen. Denn Siegmund hat sich im vergangenen Jahr zu einer veritablen potenziellen Konkurrenz gemausert. Die Bundesspitze hat wenig mit diesem Erfolg zu tun Weidels Lob von der Bühne fasst in Kürze zusammen, was für die AfD Sachsen-Anhalt ein einjähriger Kraftakt war. Hunderte Veranstaltungen mit vielen Tausenden Besuchern haben sie organisiert: Infostände, Bürgerdialoge, Simson-Ausfahrten, sogenannte Familienfeste. Währenddessen haben sie ein neues Netz von alternativen Medien aufgebaut, zugleich mehrstufige Kampagnen gegen ihre größte Konkurrenz, die CDU , gestartet. Nie war ein AfD-Wahlkampf so professionell durchorchestriert. Und nie war ein AfD-Landesverband am Ende in den Umfragen erfolgreicher, nie war ein AfD-Spitzenkandidat für eine Landtagswahl so beliebt. Der Anteil der AfD-Bundesspitze an diesem Erfolg ist gering. Der Bundesvorstand hat Geld zugeschossen, wie immer bei Landtagswahlkämpfen. Die Sachsen-Anhalter haben dabei nach Informationen von t-online mehr Geld beantragt und auch erhalten als ihre Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern. Auch dort ist die AfD derzeit stärkste Kraft, dort wird in zwei Wochen gewählt. Ansonsten aber war gerade von den Bundeschefs im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt kaum etwas zu sehen. Tino Chrupalla ist drei Mal mit Siegmund aufgetreten. Ein Mal davon geriet beinahe zum Desaster, weil Uwe Steimle – Komiker und Freund von Chrupalla – auf der Bühne erst grenzwertige Witze mit Blick auf Merz und Merkel machte und dann die Nationalhymne der DDR anstimmte. Weidel erschien sogar nur zwei Mal in Sachsen-Anhalt, beim Wahlkampfauftakt im Juli und beim -abschluss an diesem Samstag. Und Weidels Auftritt am Samstag ist wenig ambitioniert. Sie hat keine Rede vorbereitet, sondern spricht frei. Über lange Strecken dankt sie einzelnen Akteuren aus dem Landesverband für ihren Einsatz im Wahlkampf. Dann bringt sie ein paar bereits bekannte Versatzstücke, die immer zünden und verweist auf ihre Vorredner: Die hätten gute Reden gehalten, damit sei eigentlich alles gesagt. Das große, motivierende Feuerwerk der AfD-Chefin für den alles entscheidenden Tag bleibt aus. Siegmund entfaltet Personenkult wie sonst nur Weidel Die Sachsen-Anhalter dürfte es wenig kümmern. Sie haben eigentlich ein gutes Verhältnis zu Weidel. Wichtiger noch: Sie machen gerne ihr eigenes Ding, lassen sich nicht von außen reinreden und zum Teil nicht einmal in die Karten schauen. Manchem in der Berliner Parteizentrale bereitet das gerade auch etwas Sorgen. Doch sie haben schon vor Jahren angefangen, diesen Wahlkampf zu planen. Und sie haben in Teamarbeit mit Siegmund ihren ganz eigenen Shootingstar aufgebaut. Das allerdings könnte perspektivisch zu Zerwürfnissen mit den Bundeschefs führen. Denn Siegmund entfaltet derzeit einen Personenkult, wie ihn Chrupalla noch nie genoss und die AfD sonst nur von Weidel kennt. Selbst in kleineren Orten warten Wähler in langen Schlangen auf ihn und wollen ein Autogramm. Selfies schießt er bei solchen Terminen im Akkord. Das Publikum am Samstagabend stimmt mehrfach Sprechchöre an: "Uli, Uli, Uli". Zugleich ist Siegmund einer der wenigen AfD-Politiker, vielleicht sogar der Einzige, der von einem sehr positiven Image zehrt. Seine Botschaft klingt primär hoffnungsvoll: Auf seinen Plakaten verspricht er "Alles ist möglich", in seinen Reden malt er keine Untergangsszenarien, sondern versprüht Optimismus. Zugleich gibt er sich volksnah und gilt als extrem fleißig. Attribute, wie sie die AfD-Bundeschefs so nicht auf sich vereinigen können. Chrupalla ist fleißig, doch ihm fehlt das Charisma. Weidel besitzt es – doch sie gilt als faul, volksfern und keine Freundin der engen Begegnungen mit den Bürgern. Gerne verabschiedet sie sich von Veranstaltungen früh und fliegt zu ihrer Familie in die Schweiz. Auch im Bundestagswahlkampf hielt sie es oft so. Nicht zur Freude ihrer Parteikollegen. Zugleich lebt die ehemalige Unternehmensberaterin von ihrem scharfen und wütenden Auftreten. Für viele Wähler ist sie die Verkörperung des Volkszorns. Eine, die es denen da oben so richtig zeigt. In der AfD gibt es Politiker, die Weidel mit einer Domina vergleichen, die am Rednerpult die Peitsche schwinge. Aber das tun sie natürlich nur hinter Weidels Rücken. Denn auch intern schwingt Weidel die Peitsche. Gegen Gegner und Konkurrenz greift sie hart und unerbittlich durch. Erst Anfang Juli hat sie sich auf dem AfD-Bundesparteitag an ihrem Co-Chef Chrupalla für seine angebliche Beteiligung an einer "Nein-Stimmenkampagne" gegen sie gerächt . Seither sitzt der recht einsam im Bundesvorstand, umgeben von vielen Weidel-Unterstützern. Gegen den NRW-Landeschef Martin Vincentz läuft ihr Kampf aus ähnlichen Gründen noch , wegen des Wahlkampfs passiert das aktuell aber stärker hinter den Kulissen. Und auch ihr eigentlich eng verbundenen Mitstreitern zeigt Weidel die kalte Schulter, wenn sie ihr gefährlich zu werden drohen: Markus Frohnmaier, Landeschef in Weidels Heimatverband Baden-Württemberg und deswegen eine wichtige Stütze ihrer Macht, ließ sie nach der Landtagswahl im Südwesten im Frühjahr im Regen stehen. Frohnmaier war in eine Vetternwirtschaftsaffäre verwickelt – und Weidel sagte die traditionelle Wahlnachlese, eine gemeinsame Pressekonferenz von Bundes- und Landesspitze am Montag nach der Wahl, ab. Man könnte es kurz so fassen: Weidel duldet keine Risiken für sich. Sie merzt sie aus. Auf diese Weise hält sie sich als lesbische Frau schon so lange so erfolgreich an der Spitze der Männerpartei AfD. Ersatz für Chrupalla und Störung für Weidels Umbaupläne? Siegmund bewegt sich deswegen in der Risiko-Zone. Würde er tatsächlich erster Ministerpräsident der AfD, wird sich die mediale Aufmerksamkeit noch stärker auf ihn verlagern. Macht er den Job gut, würde ihm gelingen, woran auch in der AfD bei weitem nicht alle glauben. Macht er ihn schlecht, setzt er ein einzigartiges Exempel: die erste AfD-Regierung, ein Desaster. Das würde die Erfolgsaussichten der AfD vermutlich erheblich schmälern, auch im Superwahljahr 2029. Weidel will dann Kanzlerin werden. Doch auch ohne Ministerpräsidenten-Amt könnte Siegmund Chrupalla und Weidel gefährlich werden. Denn ihm werden Ambitionen nachgesagt, in der Hauptstadt sein Glück versuchen zu wollen, im Bundestag oder Bundesvorstand. Nach diesem Wahlkampf, nach der Welle des Zuspruchs, nach dem Wachstum seiner Popularität in den sozialen und anderen Medien dürfte das umso mehr gelten. Chrupalla dürfte dabei schon jetzt bangen. Weidel ist die wesentlich stärkere an der Spitze, das Verhältnis zwischen den beiden seit dem Erfurter Parteitag öffentlich zerrüttet. Und die Doppelspitze gibt es aus repräsentativen Gründen: Ost und West sollen gleichermaßen vertreten sein. Chrupalla stammt aus Sachsen. Siegmund wäre ein möglicher Ost-Ersatz an der Spitze. Der Erste, der sich seit Jahren abzeichnet. Doch Weidel hat eigentlich andere Pläne. Ihr Durchgreifen in Erfurt gilt als erster Schritt hin zu einem Umbau an der Spitze der AfD: Weg von der Doppelspitze, hin zur Einerspitze, auf die viele in der Partei schon lange warten. Und zwar hin zur Einerspitze Alice Weidel, noch vor ihrem großen Jahr 2029. Auch diese Pläne könnte ein neuer Spieler wie Siegmund stören. Siegmund: "Bin nur ein Mensch" Siegmund inszeniert sich am Samstag freilich anders, wie schon in seinem gesamten Wahlkampf. "Ich bin auch nur ein Mensch", sagt er da auf der Bühne, nachdem er empfangen wurde wie ein Popstar. "Ich bin Ulrich Siegmund, 35 Jahre alt, ich komme aus Tangermünde , ich habe eine Familie und ich liebe Deutschland." Das sei seine Grundlage, seine Motivation, die ihn mit all seinen Helfern verbinde. Das sei auch schon jetzt der große Gewinn: "Wir haben bereits Geschichte geschrieben." Denn man habe sich zurückgeholt, "was sie uns über Jahrzehnte aberziehen wollten", sagt Siegmund: "Gemeinschaft und die Liebe zu Deutschland". Da sind sie wieder: die positiven Attribute, über die Siegmund mobilisiert. Die inhaltlich völlig entkernten, doch warmen Worte. Der Jubel für Siegmund ist laut. Alice Weidel wird an diesem Abend lange bleiben, um mit AfD-Wählern Selfies zu schießen.

Читайте на сайте