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Musikgeschichte: Deutsches Schallplattenmuseum bewahrt 250.000 Scheiben

Stern 

Wo früher ein Presswerk für Schallplatten stand, werden heute mehr als 100 Jahre Geschichte gezeigt. Das Deutsche Schallplattenmuseum widmet sich über Schellack und Vinyl hinaus auch der Technik.

Schallplatten haben über Jahrzehnte die Musikgeschichte geprägt und behaupten ihren Platz auch gegen digitale Medien und Streamingdienste. Im alten Kesselhaus auf dem früheren Gelände des Teldec-Presswerks im schleswig-holsteinischen Nortorf hat ein Verein der Schallplatte ein Museum und damit einen vielleicht weltweit einzigartigen Ort der Wertschätzung gewidmet.

Wer vom Entrée des Deutschen Schallplattenmuseums mit Shop, Kaffeebar und Veranstaltungsbühne die Treppe ins Untergeschoss des lichtdurchfluteten Industriebaus nimmt, taucht in eine verblüffende andere Welt ein. Hier ein Grammophon, noch mit Hartwachswalze, dort eine mit Federmechanismus betriebene Musiktruhe, die Wände bis zur Decke hoch voller Schallplatten in kaum sichtbaren Schwerlastregalen, und immer wieder Plattenspieler aus allen Jahrzehnten.

Schallplatten und Technik aus mehr als einem Jahrhundert 

Zu jedem Ausstellungsstück weiß der Vorsitzende des Museumsvereins, Lutz Bertram, nicht nur technische Daten, sondern auch interessante Geschichten zu erzählen. Wer mehr erfahren möchte, als auf den schriftlichen Hinweisen zu den Geräten steht, kann an einer Führung teilnehmen. Mit dem Interesse der Menschen, die teils von weit her anreisen, ist der 63-Jährige zufrieden. „Die schönsten Tage sind verregnete Sonntage im August“, sagt er. Denn dann wird es voll im Museum.

In einer Ecke leben die optimistisch-fröhlichen 1970er Jahre mit Orange und Plastik wieder auf, ein anderer Bereich zeigt ebenso interessante wie kurzlebige Entwicklungen – etwa das Tefifon, bei dem ein endloses Kunststoffband mit Schallrille mehrere Stunden Spieldauer ermöglichte. Bertram weist auf ein neuwertig wirkendes DJ-Pult, das allerdings schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hatte. Das Profigerät war ein Geschenk eines Hamburgers, der es sich in sein Wohnzimmer gestellt hatte, berichtet der Museumsleiter. Mehrere Jukeboxen sowie viele Kassettenspieler und Tonbandgeräte aus mehreren Jahrzehnten runden das Bild ab.

40 ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich um inzwischen rund 250.000 Schallplatten, darunter das gesamte bis 1924 zurückreichende Archiv des NDR und zahlreiche Privatsammlungen sowie die technischen Geräte. Der Förderverein wirbt Spenden ein. Das Museum erhält Fördergeld und nimmt mit seinem Museumsshop etwas ein. Das Eintrittsgeld erhält die Stadt Nortorf, der das Gebäude gehört. 

Jährlich kommen rund 10.000 Besucherinnen und Besucher ins Museum und zu den dort ausgerichteten Veranstaltungen. Zuletzt war die dänische Sängerin Gitte Hænning zu Gast. Das Museum in seiner jetzigen Form gibt es seit Herbst 2022. Bereits seit 1999 bestand ein Vorläufer in deutlich bescheidenerem Rahmen. 

Rund 850 Millionen Schallplatten aus Nortorf

In einem heute noch stehenden Gebäude hatte Telefunken 1948 mit der Produktion von Schellack-Platten begonnen. Ende 1950 entstand aus der Telefunken-Platte und der britischen Decca die Teldec, die in rund 50 Jahren in Nortorf 850 Millionen Schallplatten produzierte. Mit CDs und Kassetten produzierte das Werk sogar deutlich mehr Tonträger. In Spitzenzeiten konnten mit rund 1.100 Mitarbeitern bis zu 200.000 Schallplatten täglich hergestellt werden. 1987 wurde die letzte Vinylschallplatte in Nortorf gepresst.

Zwei der Schallplattenpressen, die alle 36 Sekunden eine Platte auswarfen, stehen in der Ausstellung im Untergeschoss des Museums. „Ein Arbeiter bediente zwei Automaten. Alle 18 Sekunden eine Schallplatte, da kam man schon ins Schwitzen“, sagt Bertram und zeigt auf zwei mannshohe LP-Stapel. „Das Ergebnis eines Arbeiters in einer Schicht.“

Jede 200. Platte wurde komplett angehört. Dazu saßen Frauen mit Kopfhörern an riesigen Tischen, wie auf alten Fotos zu sehen ist, und hörten den ganzen Tag Musik von den frisch gepressten Scheiben. Das war oft weniger entspannt, als es klingt, weiß Bertram und erzählt vom Kinderstar Heintje. Teldec habe 1968 über Wochen zur Unterstützung von Ariola, die mit der Produktion nicht hinterherkam, Singles von dessen Hit „Mama“ gepresst. Die Frauen mussten also den ganzen Tag „Mama“ hören – und wenn sie nach Hause kamen, dudelte ihnen der Megahit wahrscheinlich aus dem Radio entgegen.

Echte Nachwuchssorgen hat der Museumsverein nicht, es kommen immer mal neue Helfer dazu. „Es könnten aber gerne mehr werden“, sagt Bertram. „Wir haben die verschiedensten Tätigkeiten hier“. Das reicht von Hilfe beim Archivieren der Schallplatten bis zu Führungen durch die Ausstellung.

Gibt es vergleichbare Museen?

Bertram sagt, er kenne kein vergleichbares zertifiziertes Schallplattenmuseum. „Wir sind das einzige, eigentlich auf der ganzen Welt“, so der Museumschef. „Was ich sehr kurios finde irgendwie.“ Denn die Schallplatte sei ein so tolles Medium, mit dem man so klasse arbeiten könne im Museum. Besonders sei, dass sich das Museum auch mit der Fertigung von Schallplatten befasse und sie im Kontext der Abspieltechnik zeige. „Für uns ist das Gerät wichtig als Mittel zum Zweck, um das, was draufliegt, zum Klingen zu bringen.“ Die Schallplatte von 1938 auf dem Grammophon von 1938, nennt er ein Beispiel.

Eine größere reine Schallplattensammlung an einem Ort als die in Nortorf gibt es in der Library of Congress in Washington. Das Archiv umfasst nach Angaben der Library unter anderem mehr als 500.000 LP und 450.000 Schellackplatten aus den USA aus 110 Jahren.

Eine der nächsten Aufgaben für das Deutsche Schallplattenmuseum werde sein, das Archiv des WDR aufzunehmen, sagt Bertram. Aktuell sind mehrere Mitarbeiter mit der Archivierung des vorhandenen Plattenbestandes beschäftigt. „Das wird noch Jahre dauern“, sagt der Museumschef, der im Beruf Logistikleiter in der Lebensmittelindustrie ist. 

Wer auf der Suche nach einer bestimmten Musikaufnahme ist, kann im Museum danach fragen. Wenn sie archiviert ist, legen die Mitarbeiter sie an eigens eingerichteten Kopfhörerplätzen auf. Auch ein Mini-Kino mit Filmen zur Geschichte von Schallplatte und Teldec gibt es.

Bürgermeister unterstreicht überregionale Strahlkraft des Museums

Für Nortorf habe das Museum eine enorme Bedeutung, sagt Torben Ackermann, Bürgermeister des Städtchens mit knapp 7.300 Einwohnern. Es bewahre einen ganz besonderen Schatz.

„Der größte Schatz des Museums sind jedoch die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ihnen kann ich gar nicht genug für ihren Einsatz danken“, sagt der Verwaltungschef. „Jede und jeder Einzelne engagiert sich mit großer Leidenschaft für die Geschichte von Teldec und der Schallplatte.“ Das sei bei jeder Führung spürbar. Die Strahlkraft des Museums reiche weit über Schleswig-Holstein hinaus. 

Umsatz mit Vinyl-Schallplatten wächst weiter

Da Vinyl nach Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) weiterhin eine treue Käufergemeinde hat, geht die Geschichte der Schallplatte weiter. Die Industrieeinnahmen aus dem Verkauf von Musik auf CD, Vinyl-LP und Downloads sowie im Streamingbereich lagen im ersten Halbjahr 2026 bei zusammen 670 Millionen Euro. Das waren 5,4 Prozent mehr als im Vorjahr. 13,6 Prozent des Umsatzes entfielen auf physische Tonträger. Vinyl lag dabei knapp hinter der CD – allerdings bei deutlich stärkerem Wachstum.

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