"September": Näher dran kann man 25 Jahre später nicht sein: Bewegende 9/11 -Doku im Ersten
Die Anschläge von 9/11 liegen 25 Jahre zurück. Johan von Mirbach schafft es in seinem herausragenden 90-Minüter "September", dass man die Tage vor und nach dem Terror, der 2.977 Menschen das Leben kostete, nacherlebt. Mit spektakulär montierten Bildern und bewegenden Interviews.
Die Anschläge vom 11. September 2001 liegen 25 Jahre zurück. Nachdem es in den vergangenen zehn bis 15 Jahren gefühlt etwas ruhiger um jenes Datum geworden ist, das die Welt veränderte, packt das Erste nun noch mal eine 90 Minuten lange Dokumentation in die Primetime des Jahrestages. Das zu Recht, denn "September" (bereits ab Dienstag, 1. September, in der ARD-Mediathek) von Johan von Mirbach schafft es, dass man die Terror-Katastrophe beinahe physisch wie auch emotional nachempfinden kann. Ein außergewöhnlich bewegender Beitrag, auch dank fantastisch montierter Bilder und vieler Interviews mit prominenten und weniger bekannten Zeitzeugen, von denen sich die meisten in der Nähe der einstürzenden Twin Towers des World Trade Centers in Lower Manhattan befanden.
Darunter die Deutsche Susanne Hegenscheidt, die nur wenige hundert Meter von den Türmen entfernt lebte und fast alles mit ihrer Kamera filmte. Die deutsch-amerikanische Kranführerin Pia Hofmann bewegte in den Tagen nach den Anschlägen Trümmerteile mit ihrer Maschine am Ground Zero. Dabei wurden viele Leichen gefunden. Bis heute hat Hofmann mit diesen Erinnerungen zu kämpfen. Auch der deutsche Ersthelfer Markus Albrecht, damals ein junger Tourist mit Sanitätsausbildung auf Urlaub in New York, und einige Prominente erinnern sich. Unter ihnen SPD-Spitzenpolitiker Lars Klingbeil, der während 9/11 als Praktikant in Manhattan arbeitete und vor Trümmern fliehen musste.
Auch der damalige Außenminister Joschka Fischer ist dabei. Der Grünen-Politiker erinnert sich daran, wie man in deutschen Regierungskreisen über die Krise des 9. September 2001 dachte. Hinzu kommen der damalige Gouverneur New Yorks, der Radioreporter einer New Yorker Morning Show, eine ehemalige Regierungsmitarbeiterin in der US-Terror-Abwehr sowie die Tochter eines an den Folgen der Anschläge verstorbenen Feuerwehrmannes.
Einer der am besten montierten und erzählten 9/11-Filme
Selbstredend gab es in den letzten 25 Jahren unzählige Jubiläen und Aufarbeitungen von 9/11. Sowohl in den Bereichen Doku wie auch Fiction. Tatsächlich ist es schwer, heute noch völlig neue Aspekte der damals unfassbaren Ereignisse mit 2.977 Toten (nur die Anschlagsopfer des 9. Septembers) zu finden. Johan von Mirbach, Jahrgang 1979, hat sich mit einer Reihe preisgekrönter Dokus einen Namen gemacht, die vorwiegend von Umwelt- und Wirtschaftsskandalen erzählen. Sein neuer Film soll – so die Ankündigung der ARD – zeigen, wie sich die Welt im Zuge von 9/11 veränderte. Man denke an den amerikanischen "war on terror", den Hass auf den Islam und Gegenhass der USA durch Islamisten und liberal denkende Menschen aufgrund der heftigen Reaktion der USA ... – alles Folge der Anschläge. Der Film nimmt diese Analyse auch vor – unter anderem, indem er am Ende kurz zusammenfasst, welche Schritte folgten: Kriege, Internierungen und Folterungen, Veränderung der Gesellschaft in Richtung Vorsicht und Paranoia.
Jedoch macht die Post-9/11-Analyse nur wenige Minuten des Films aus. Die größte Stärke von "September" ist das Nacherzählen jener Tage vor und vor allem nach 9/11 – mit komplettem Fokus auf den Handlungsort Manhattan. Es waren schöne und makellos sonnige Tage damals, hört man. Ein viel zu heißer Sommer ging zu Ende. Erstmals konnte man das schöne Wetter draußen wieder genießen. Eine Stimmung von Aufbruch und friedlichem Miteinander lag damals über New York. Der Film beginnt mit dem Moderator einer bekannten Radio Morning Show. Seine Botschaften zu Beginn dieses scheinbar langweiligen Tages waren unter anderem: Whitney Houston enttäuschte, weil sie nicht wie angenommen bei einem Michael Jackson-Konzert auftrat. Dazu die Frage: Plant Michael Jordan, der größte Basketball-Star "on earth", ein Comeback?
Auch die deutschen Manhattan-Bewohner von damals erzählen, wie ihr Tag am 11. September 2001 begann. Man hört oft das Wort "Leichtigkeit". Susanne Hegenscheidt, die damals als junge IT-Fachfrau in New York lebte und mit einem amerikanischen Investment-Banker liiert war, filmte einen Großteil der Ereignisse aus ihrer Wohnung gegenüber der Towers mit ihrer Kamera. Bis hin zum Moment, als sie wie viele andere von der Stelle der einstürzenden Türme wegrannte und sie mitsamt ihrer Kamera von der Druckwelle zu Boden in den Staub geworfen wurde.
Wer die Tage damals noch nicht bewusst erlebte oder sie noch einmal aus – schrecklich anrührender – Nähe nachempfinden will: Dies ist einer der am besten montierten und erzählten Filme zum Thema 9/11.
September – Fr. 11.09. – ARD: 20.15 Uhr